Ausstellungen

„Pergamon. Panorama der antiken Metropole“ im Pergamonmuseum

RotundeVon der 15 Meter hohen Aussichtsplattform schweift der Blick über die hügelig-zerklüftete mediterrane Landschaft rund um die Stadt, in deren Zentrum der Burgberg thront: Pergamon am 8. April 129. Das 360-Grad-Panorama zieht den Besucher förmlich hi­nein in das Geschehen. Dank ausgeklügelter 3D-Technik und atemberaubender Lichtführung wirkt es ungemein plastisch. Der Architekt und Künstler Yadegar Asisi hat im Ehrenhof des Pergamonmuseums eine mächtige Stahlrotunde aufstellen lassen, in deren Innenrund sich auf 103 mal 24 Meter Stoffbahn ein Wimmelbild ergießt. Asisi hat den 8. April vor fast 2?000 Jahren für das Panorama ausgewählt, da auf den Tag sein eigener Geburtstag fällt, da im Frühjahr 129 Kaiser Hadrian der nunmehr römischen Stadt einen Besuch abstattete, und vor allen Dingen, weil der heute weltberühmte Fries des Pergamonaltares zu diesem Zeitpunkt noch halbwegs intakt war – und ziemlich bunt gefasst.

 

Ein Jahr lang können wir nun Hadrian dabei beobachten, wie er eine antike Baustelle aufsucht. Oder die erotischen Ausschweifungen des legendären
Dionysoskultes betrachten. Drei Kinder spielen selbstversunken an einem Teich. Kurzum: Das Panorama möchte den Alltag, das Arbeiten und Feiern der antiken Stadt zum Leben erwecken. Akribisch hat sich Yadegar Asisi in jedes Detail versenkt. Er hat die Originalstätte aufgesucht und dort in 30 Metern Höhe ein Gerüst aufstellen lassen, das ihm den Idealblick bot auf die Ruinenlandschaft. Von dort aus fotografierte er Stück für Stück den Burghügel mit den Überresten des Akropolistheaters, die Fundamente des Großen Altars, den Blick über Hügel und Häuser bis zum Mittelmeer – nicht weniger als 30?000 Fotos in sieben Tagen. Jedes einzelne wurde anschließend im Kreuzberger Atelier am Computer bearbeitet und selektiert, nach Stimmigkeit von Beleuchtung und Perspektive.

Molosserhundneu_c_Johannes_Laurentius_Staatliche_Museen_zu_Berlin_AntikensammlungUnd er fotografierte Menschen in historischen Kostümen vor Kulissen und integrierte sie in sein Pano­rama, manche auch mehrfach. Turnschuhe erlebten via Photoshop die Metamorphose zu antiken Sandalen. Dieses gigantische Panorama bildet nun das Entree zur großartigen Ausstellung über Pergamon. „Erstmals nach über 130 Jahren archäologischer Forschungen in Pergamon vermittelt diese Schau einen umfassenden Überblick über die Geschichte und Kultur dieser griechischen Metropole mit ihren prachtvoll ausgestatteten Palästen, Tempeln und Heiligtümern“, sagt Andreas Scholl, Direktor der Antikensammlung auf der Museumsinsel. Hat er keine Bedenken gehabt, dass Asisi vor den Toren des Pergamonmuseums schnöden Budenzauber produziert, anstatt das Publikum zu begeistern mit seinen historischen Exponaten? „Es ist spektakulär, aber eben kein Spektakel“, entkräftet Andreas Scholl derartige Vorbehalte und räumt ein, dass ihn die Idee des Panoramas schon immer fasziniert habe. Passenderweise wurde bereits 1886 noch während der Grabungen in Kleinasien das erste Pergamon-Panorama in Berlin gezeigt, allerdings bloß ein Halbrund, damals auf dem Gelände des heutigen Hauptbahnhofs. Als nun Asisi für sein Panorama die fehlenden Partien des Pergamonaltars ersetzte durch eigene Ergänzungen, schauten ihm anfänglich die Berliner Archäologen über die Schulter.

Inzwischen ist das Vertrauen der Forscher von der Museumsinsel in die Redlichkeit des Panorama-Architekten aber beträchtlich. Die eigentliche Sensation der neuen Präsentation ist jedoch nicht das 360-Grad-Bild, sondern die erste umfassende Ausstellung zu den Ausgrabungen um „Pergamon“, die je gezeigt wurde. Bis auf drei eher kleinere Schauen in Ingelheim, Bonn und zuletzt 1986 in Ost-Berlin wurden frappierenderweise die ungeheuren Schätze noch niemals vor dem Publikum ausgebreitet. Dies wird nun im Nordflügel des Museums nachgeholt. 80 Prozent der Stücke kommen aus dem Magazindunkel heraus erstmals ans Tageslicht. Eigens für die Schau wurden viele sorgsam restauriert. „Wir haben eine ganze Kunstepoche gefunden“, schrieb verzückt der deutsche Ingenieur und Hobbyarchäologe Carl Humann 1871, als er in Kooperation mit einer kleinen Expeditionstruppe um Ernst Curtius die beiden ersten Fragmente des Altares ausbuddelte. Mit Humanns Tagebuch der ersten Kampagne in Pergamon 1878-80 geht die Ausstellung los, zeigt in fein lavierten Zeichnungen den Abtransport der ersten Friesplatten vom Burgberg, bärtige Götter und Statuen von Hermaphroditen.

Natürlich darf das anmutige Papageienmosaik ebenso wenig fehlen wie elegante Gebälkornamente. Eine winzige Bronzemaus steht neben einem anrührenden Ohren-Votiv für das Asklepieion, dem Heiligtum für den Gott der Heilkunst. Man erfährt, dass es bereits 1901-07 auf der Museumsinsel ein erstes Pergamonmuseum gab. Vor allem aber geht es darum, die Organisation wie die Kulte der antiken Stadt anschaulich zu machen.
Panorama und Ausstellung sind eng verzahnt, was sich schon darin spiegelt, dass Asisi auch die Architektur der Schau übernommen hat. Die Schau lässt sich leiten von der sensualistischen Erkenntnis, dass nicht in den Verstand gelange, was nicht zuvor in den Sinnen war. „Ich glaube, dass Kunst und Wissenschaft gar nicht so weit auseinanderliegen“, meint Panoramakünstler Asisi. „Nur suchen wir in verschiedenen Quellen. Doch in unseren Interpretationen finden wir dann immer wieder äußerst anregende Gemeinsamkeiten.“

Text: Martina Jammers

Foto: Asisi

Pergamon. Panorama der antiken Metropole
Pergamonmuseum, 30.9.–30.9.2012

Asisi_c_AsisiYadegar Asisi: Der studierte Architekt übersetzt Baupläne zeichnerisch in allgemein verständliche Darstellungen, um Fachfremde an Architekturentscheidungen teilhaben zu lassen. Für Daniel Libeskind erstellte er 2002 das Panorama für dessen Sieger-Entwurf des World-Trade-Centers in New York. Asisi, 1955 als Sohn persischer Eltern in Wien geboren, betreibt erfolgreich Panoramen in Gasometern in Leipzig und Dresden, die er „Panometer“ nennt.  

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