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Peter Stauss bei carlier | gebauer

Peter Stauss bei carlier | gebauer

Als gefährdetes, zwischen explodierenden Tintenklecksen und getrocknetem Kaffeerest verlorenes Wesen hat Peter Stauss den Menschen in seinen „Telefonzeichnungen“ aus dem Handgelenk geschüttelt. Als Verwandten des Tiers entdeckt man den Menschen in seinen Skulpturen. Und auch als möglichen Angehörigen einer vagabundierenden Lumpenarmee oder Figur eines neo-viktorianischen Gangstertums taucht er in verschiedenen Formaten auf.
Obendrein entwickelt sich der Mensch zu einem nachhaltig beschädigten Zivilisationsopfer. Das zumindest lassen Stauss‘ neue großformatige Malereien spüren, die in Öl auf Holz kein sonderlich sympathisches Bild unserer Spezies zeichnen: Groteske Gestalten verlieren sich zwischen den Extremen von Bodybuilding und Junk Food und werden dabei von ihren überdimensionalen Attributen beinahe erschlagen. „Diese Muskeln und diese Art zu essen“, sagt Stauss, „sind für mich einfach etwas Falsches – wie eine Kulisse. Alles ist Kulisse und Volumen.“ Im Grunde male er das, wovon Giacometti die Figur befreit habe.
Was ist der Mensch? Das ist eine der vier oder fünf Fragen, die den Berliner Künstler Peter Stauss, geboren 1966 in Sigmaringen und in den Neunziger Jahren an der UdK von Bernd Koberling ausgebildet, umtreiben. Als ein souveräner Insolvenzverwalter der Moderne lässt sich Stauss bei seiner Abrechnung mit einer aufgepumpten Gegenwart von Helden wie Jackson Pollock und Willem de Kooning inspirieren. Er bricht aber jede große Geste durch die dunkel leuchtende Mattheit seiner Palette.
Auch wenn die komplex ineinander verwobenen Bildelemente scheinbar ungeordnet auf den Betrachter einstürzen, ist jenseits von Scherz, Satire und Ironie manch tiefere Bedeutung dort versteckt – und zwar da, wo keiner zuerst nach ihr suchen würde, etwa in einem abgelatschten Arbeitsschuh am unteren Bildrand: „Heidegger hat den Schuh bei van Gogh aufgegriffen und ihn als ein für die Moderne paradigmatisches Motiv interpretiert. Ein Inbegriff des zuhandenen Zeugs, das für uns eine Aufgabe erfüllt und durch dessen Gebrauch wir uns die Welt erschließen.“
Die traditionellen Rivalitäten zwischen Figuration und Abstraktion betrachtet Stauss eher entspannt und bestaunt versonnen ein zum Abkleben verwendetes und von halluzinogen schillernden Farbresten zusammengehaltenes Papierfragment. Das hängt notdürftig mit Klebestreifen befestigt an der Wand seines malerisch im zweiten Stock eines Hinterhofs im ungemütlicheren Teil der Kurfürstenstraße gelegenen Ateliers. Stauss: „Wenn man so malen könnte!“
Post-heroisch muten die Skulpturen an, wenn er Rodins „Denker“, zur Unkenntlichkeit in Hundegestalt verfremdet, auf den Sockel hebt oder ein desillusioniertes „Liebespaar“ beim Joint danach in hoffnungsloser Erschöpfung zeigt und damit wie auch in seinen Zeichnungen die soziopolitischen Illusionen der Hippie-Ära verabschiedet.
Aktuell befreit Stauss in einer Serie kleinformatiger Bronzen Giacometti vom Pathos. Was dann noch von seinen „holländischen Meistern“ übrig bleibt, ist wenig: Hier schwebt ein Kopf mit Riesenhut, dort lugt eine Hand mit Pfeife hervor. Und irgendwo versteckt sich die Palette. Alles wird zusammengehalten von einem fragilen Gestänge, das nicht länger an die menschliche Figur anknüpft und dennoch seltsam anrührt – vielleicht, weil es gleichzeitig amüsieren und radikal hinterfragen kann, wie wackelig es um so manches Selbst- und Weltbild wirklich bestellt ist.
Ganz Moralist, besteht Stauss übrigens darauf, ein amoralischer Künstler zu sein. Ganz Philosoph, verneint er noch knapp die Frage, ob er ein Philosoph sei. Und schweigt, um einer zu bleiben.    

Text: Gunnar Luetzow

Foto: Harry Schnitger

Peter Stauss: Die unsichtbare und die dritte Hand
carlier | gebauer Markgrafenstr. 67, Kreuzberg, Di–Sa 11–18 Uhr,  7.11.–19.12.

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