Malerei

Philip Grözinger in der Galerie Sexauer

Intergalaktisch! Der Berliner Maler Philip Grözinger riskiert es, in den Kunst-Ernst etwas Unterhaltung zu streuen

Marcus Schneider, Berlin, 2019 / Courtesy SEXAUER

„U-Kunst“ – unter diesem Motto verschaffte sich in den Neunzigern ein loser Kreis junger Künstler und Künstlerinnen um Jim Avignon in der Off-Szene Aufmerksamkeit, indem man in abgerockten Altbauwohnungen am Boxhagener Platz und in gut versteckten Clubs am Hackeschen Markt Kunst und Unterhaltung mischte. In diesem Umfeld gediehen eigenwillige Wesen wie Evelin Höhnes Fucky und schräge Indie-Musik wie die von Minichev, an legendären Orten entstanden coole Getränke wie „Sexy an Eis“ und wärmende Snacks wie der „Kuscheldöner“. Kurz: Berlin als „Spielzone“ (Tanja Dückers) westdeutscher Wohlstandsflucht, etwas irre, aber toll. Und nachhaltiger als erwartet: DAG, Fehmi Baumbach und die „Honey Suckle Company“ sind noch immer präsent.

Retrofuturistisch

Ebenfalls unterwegs in diesem bunten Haufen war der aus Braunschweig stammende Philip Grözinger (*1972), der inzwischen eine bekannte Größe in der Berliner Malerei ist. Ihn allerdings treibt das Unbekannte um, und so dringt er nun künstlerisch bei Sexauer mit seiner Einzelausstellung „Daisy Bell“ in Galaxien vor, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Dabei gibt es auf seinen fünf großformatigen Leinwänden einiges zu entdecken: seltsame Astronauten-Zwillinge etwa, die etwas vom „Michelin“-Männchen haben. Retro-futuristisch anmutenden Konstruktionen, die an Raumstationen erinnern – oder an das Brüsseler Atomium. Von fröhlichen Einzellern umkreiste außerirdische Intelligenzen, die uns zwar freundlich zuzwinkern, aber letztendlich doch so rätselhaft bleiben wie in einem Text von Stanislaw Lem.

Das alles ist malerisch inzwischen gut durchgearbeitet, lebt von gewagten Kontrasten und erblüht in einer speziellen Palette, die irgendwo zwischen melancholisch und psychedelisch schwebt. Doch Philip Grözinger will nicht dort stehenbleiben, wo er sich auskennt. Nach ausgiebiger Beschäftigung mit den technischen Utopien und Dystopien hat er sich zu einem riskanten Experiment entschlossen: Für seine Videoinstallation „Daisy Bell“ füttert er einen Rechner mit Abbildungen der ausgestellten Arbeiten und lässt so digitale Mutanten seiner eigenen Kunstwerke entstehen. Das Ergebnis zeigt, wie manchmal auch gute Kunst durchaus unterhaltsam sein kann.

Philip Grözinger: Daisy Bell Sexauer Gallery, Streustr. 90, Weißensee, Mi–Sa 13–18 Uhr und n. V., www.sexauer.eu, bis 24.10.

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