Ausstellungen

Polnische Kunst in der Akademie der Künste

balkaDer Künstler nutzt die Räume minimal und gibt so den Arbeiten einen Schwingungsraum, in dem sie ihre Kraft voll entfalten können. Am Pariser Platz wird der in dieser Ausstellung aus sechs Installationen bestehende Zyklus „Fragmente“ von Miroslaw Balka gezeigt, die Reihe ist konzeptuell als Ganzes zu betrachten. Balkas Installationen sind dabei immer Skulpturen im Wortsinn. So werden die Arbeiten „Bottom“, „Map L“ und „Blue Gaslight Eyes“ (Abb.) von der Decke auf niedrige Podeste am Boden projiziert, wobei die „Leinwand“ aus Salz besteht und den Aufnahmen so eine ganz eigene Körnigkeit verleiht. Die Podeste bestehen aus Holz und einer darauf montierten Eisenplatte, auf der das Salz als Projektionsfläche ausgestreut wird. Schon an den Materialien, die den skulpturalen Unterraum der Videoarbeiten bilden, ist das Existenzielle der hochkonzentrierten Arbeiten zu erkennen: Holz und Eisen, aus dem Häuser und Werkzeuge bestehen, und Salz als grundlegendes Lebensmittel. Gleichzeitig passen die Materialien zum thematischen Überbau von „Fragmente“ – dem Holocaust und insbesondere den Lagern Majdanek und Treblinka.

Die Installation „Bottom“ führt den Betrachter in eine klaustrophobische und verwirrende Sichtweise der Welt. Das auf den Boden projizierte Video zeigt die Decke einer alten Baracke mit verrosteten Duschköpfen. Dazu hört man die knarrenden Schritte auf alten Holzbohlen. Die verwirrende Perspektive zieht die erste Aufmerksamkeit auf sich und will entschlüsselt werden, danach tritt zu dieser verstörenden Seh-Erfahrung das kulturelle Wissen um die Umstände und den Ort des Gezeigten, in diesem Fall das Lager Majdanek. „Blue Gas Eyes“ wiederum zeigt zwei runde, blau züngelnde Gasflammen, zu denen das Geräusch von Gas, das aus einer Leitung austritt, hinzukommt. Ein ruhiges, beinahe sanftes Bild entsteht so auf dem Projektionsträger am Boden, das den Betrachter aber durch den Kontext innerlich erschaudern lässt. Der Werktitel bezieht sich auch auf die Zeile „er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau“ aus Paul Celans „Todesfuge“.

Im Hanseatenweg werden zeitgleich mit Zbigniew Rybczynski und Gбbor Bуdy in „Der Stand der Bilder“ zwei osteuropäische Video-, Film- und Medienpioniere miteinander in einen – auch räumlichen – Dialog gestellt. Beide sind nicht zuerst bildende Künstler, sondern Regisseure und Bildforscher. Rybczynski, Jahrgang 1949, setzt sich seit seinen Studienjahren mit den technischen Aspekten und den optischen Voraussetzungen der Darstellung der Wirklichkeit im bewegten Bild auseinander, insbesondere mit der linearen Perspektive. Bei Bуdy liegt der Fokus hingegen auf der semantischen Ebene, der Bedeutungszuschreibung und den narrativen Funktionsweisen im Film.

balkaTrotz des Unterschieds im Wollen und in der Form ihrer Filme ist beiden Künstlern der spielerische, forschende und hingebungsvolle Umgang mit dem Medium Film gemeinsam, dessen Möglichkeiten sie in jeder Arbeit neu vermessen und ausloten. Gleichzeitig spürt man in allen ihren Werken die Rückbindung an die europäische Avantgarde und Kunstgeschichte bis hin zur Renaissance und Romantik, womit sie sich in eine gesamteuropäische Traditionslinie stellen, die oftmals als eine dem früheren Westen eigene wahrgenommen wird.

Neben den ausgestellten Auszügen aus ihren Filmen und Bildexperimenten besticht das reiche Material an Skizzen, Notizen und konzeptueller Vorarbeit, die in Verbindung mit den entstandenen filmischen Produkten gezeigt werden. So kann man den experimentellen Kurzfilm „Novalis Walzer“, den Bуdy kurz vor seinem frühen Tod 1985 fertigstellte, als erste Skizze, als Idee und auch als fertiges Produkt betrachten. Die oftmals sehr viel technischeren Notizen und Storyboards Rybczynskis hingegen bieten einen Einblick in die Versuche, mit multiplen Bildschichten und der Montage von Hunderten von Bildern zu einem neuen Ganzen zu kommen in einer Zeit, als die elektronische Bildbearbeitung am Computer noch in den Kinderschuhen steckte.

Jeder der drei für sich entdeckenswerten Künstler folgt seinen eigenen Weg mit dem Medium Film. Dadurch entsteht im Zusammenklang der Ausstellungen auch eine Meditation über das Medium selbst: was es künstlerisch bietet. Und wie es sich über das Video und die digitale Technik aus den Filmstudios heraus demokratisiert hat und ein Werkzeug geworden ist, das unsere Wahrnehmung der Welt mitbestimmt.

Text: Philipp Koch

Fotos: Miroslaw Balka

Miroslaw Balka. Fragment Akademie der Künste am Pariser Platz, bis 8.1.2012

tip-Bewertung: Herausragend 


Der Stand der Bilder Akademie der Künste am Hanseatenweg, bis 1.1.2012

tip-Bewertung: Sehenswert

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