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Preis der Nationalgalerie 2015 im ?Hamburger Bahnhof

Preis der Nationalgalerie 2015 im ?Hamburger Bahnhof

Halte das Tablet über deinen Kopf. Gehe im Raum herum. Fange an zu tanzen.“ Das sind einige der Handlungsanweisungen, die Christian Falsnaes einem in seiner Arbeit „The Title Is Your Name“ gibt. Für diese Performance, bei der man als Besucher selbst zum Performer oder zur Performerin wird, ist man allein in einem Raum. Darin stehen ein Tisch und ein Stuhl; auf dem Tisch steht das Tablet. Am Ende kann man sich entscheiden, ob die eigene Performance, die von dem Tablet aufgezeichnet wird, wieder gelöscht oder als Teil der Arbeit gespeichert werden soll. Diese sehr humorvolle und interaktive Arbeit verändert darüber hinaus den Blick auf die Arbeit Falsnaes’ im Raum davor, in dem man als Gruppe animiert wird, aktiv an den Videoprojektionen teilzunehmen.
Falsnaes ist neben Anne Imhof, der diesjährigen Preisträgerin, Florian Hecker und dem Künstlerkollektiv Slavs and Tatars einer der fünf Künstler und Künstlerinnen, die es auf die Shortlist des Preises der Nationalgalerie geschafft haben und ihre Arbeiten im Hamburger Bahnhof präsentieren. Alle fünf (vielleicht einmal abgesehen von Slavs and Tatars, die im Vorfeld bei vielen als die wahrscheinlichen Sieger galten) dürften fast nur Insidern ein Begriff sein. Obwohl sich die im Hamburger Bahnhof ausgestellten Arbeiten der Shortlist-Künstler grundsätzlich unterscheiden, treffen sie sich doch in einigen Punkten. So haben sie alle einen performativen Ansatz und alle Arbeiten setzen darauf, das Publikum einzubeziehen.
Versteht sich also fast von selbst, dass die diesjährigen Kandidaten keine Künstler sind, die brav für den Kunstmarkt produzieren. Die Arbeiten sind mitunter sperrig, vor allem aber durch ihre performative Anlage alles andere als kunstmarkttaugliche Flachware. „Es ist schön zu sehen, was für mutige und subtile Positionen von der Jury für die Shortlist ausgewählt wurden“, sagt Anna-Catharina Gebbers, die Kuratorin der Ausstellung.
Der Preis der Nationalgalerie, der in diesem Jahr den Zusatz „für junge Kunst“ verloren hat, ist inzwischen einer der bedeutendsten Nachwuchs-Kunstpreise in Deutschland. Auf der Shortlist standen seit 2000 internationale Stars wie Уlafur Elнasson oder Monica Bonvicini ebenso wie aufstrebende „Blue Chips“ (d. h. solche, die der Markt gerade liebt) wie Danh Vo oder Cyprien Gaillard. Das wirklich bemerkenswerte jedoch ist, dass fast alle, die bis heute für den Preis nominiert waren, ihren festen Platz in der zeitgenössischen Kunstszene gefunden haben.
Die diesjährige Preisträgerin Anne Imhof ist ein gutes Beispiel für die Entdeckungsarbeit, die hier geleistet wird. Imhof hatte in Deutschland bisher noch keine eigene institutionelle Ausstellung – und es gibt keine einzige größere Publikation zu ihrem Werk.
Im Hamburger Bahnhof bespielt Imhof einen großzügigen Raum, durch den man durch einen blauen, mit Schwarzlicht beleuchteten, tunnelartigen Korridor hineingehen muss. Im Raum präsentiert sich eine minimalistische Installation aus nackten Betonwannen; darüber Boxsäcke, streng in Linie gehängt, und blaue Aluminiumtafeln, auf die Linien gekratzt sind – ganz wie mit einem Schlüssel auf  eine Luxuskarosse. Neben dem Eingang hängt eine großformatige Zeichnung und an der hinteren Wand schließlich eine Aluminiumkonstruktion, die ein wenig an eine Tränke oder an ein Pissbecken in einer Bar erinnert.
Der Raum ist dabei in ein diffuses, gräuliches Licht getaucht, das die Farben dämpft und an einen fortwährenden Dämmerzustand denken lässt. Dieses Interieur wird als Tableau für die Performances genutzt, in denen nach genau gescripteten Handlungsanweisungen jeweils Teile der performativen Arbeiten DEAL und RAGE aufgeführt werden – am ersten Freitag und Samstag jeden Monats. Für alle, die nicht die Möglichkeit haben, eine diese Performances live mitzuerleben, ist in einer der Wannen ein Tablet mit einem Video versteckt, durch das man einen Eindruck von den Inszenierungen bekommen kann, die Imhof in ihren Arbeiten umsetzt.

Slavs and Tatars

Florian Hecker schafft mit seiner Arbeit „Formulation“ eine durch synthetische Sounds erzeugte Raumsituation. Die Klänge produzieren zusammen mit den an den Wänden angebrachten Stofftafeln ein synästhetisches Erlebnis. Im größeren der beiden von Hecker bespielten Räume dämpfen die Stoffe in tiefem Blau die Töne; im kleineren verstärken und reflektieren die hier grau-metallischen Stoffe die Sounds.
Das Kollektiv Slavs and Tatars schließlich lädt die Besucher ein, sich auf einem Teppich niederzulassen, der auf einen überdimensionierten Buchständer gezogen ist. Das erinnert ebenso an einen fliegenden Teppich wie an Lesevorrichtungen für die Heiligen Bücher der monotheistischen Religionen. Wer es lieber beschwingt mag, kann auch in den zwei riesigen von der Wand hängenden Gebetsketten schaukeln oder sich im schwarz gestrichenen Raum in aller Stille der Lektüre ausliegender Publikationen widmen.
Am Ende wird sicher nicht jedem alles gefallen, zumindest nicht gleich gut; mancher wird sich vielleicht auch über die Entscheidung der Jury für Anne Imhof ärgern. Dafür gibt es den Publikumspreis, an dem sich alle, die die Ausstellung besuchen, beteiligen dürfen und dann eben selbst Teil der Jury werden. Und seien wir ehrlich: Sich über Jury-Entscheidungen und zeitgenössische Kunst aufzuregen, die einen persönlich nicht anspricht, macht doch fast genau so viel Spaß, wie neue Kunst für sich zu entdecken.

Text: Philipp Koch

Foto: David von Becker

Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50–51, Tiergarten Di+Mi+Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 17.1.2016

Performances von Anne Imhof: Fr 6.11., 15.30 Uhr, Sa 7.11. 10–18 Uhr

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