Ausstellungen

Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst 2013 im Hamburger Bahnhof

Epaminonda_FAVORIT_c_HSHaris Epaminonda begreift sich nicht als Berlinerin. Dabei gäbe die für den Preis der Nationalgalerie nominierte griechisch-zypriotische Künstlerin ein Musterexemplar ab: Sie bewohnt mit ihrem ebenfalls als Künstler tätigen Lebensgefährten und Kind eine unverschämt großzügige innerstädtische Altbauwohnung mit Stuck und Parkett. Ihr Arbeitszimmer ziert ein Regal der Marke Moebel Horzon. Dazu trägt sie eine Brille, die in Brooklyn an den Start der nächsten Hipster-Olympiade gehen könnte, und vor einem MacBook Pro sitzend schwärmt sie von den unglaublichen Möglichkeiten, die der Super-8-Film bietet. Und wenn die 1980 in Nikosia geborene und am renommierten Londoner Royal College of Art ausgebildete Künstlerin nicht gerade einen Kitaplatz sucht, dann durchstöbert sie Trödelläden nach Vintage-Objekten, die sich in ihrem Atelier zu einer Wunderkammer verdichten. Wie Berlin ist all das denn, bitte?

Dennoch: Das Kompliment, das sie ihrer neuen Heimat macht, ist homöopathisch dosiert: „Ich mag Berlin, weil es ein langsames Tempo hat. Es gibt hier immer noch ein Gefühl von Abgeschiedenheit, obwohl hier gleichzeitig so viel passiert.“ Dass sich insbesondere in der hiesigen Kunstwelt in den letzten Jahren das Tempo rasant erhöht hat, kann man übersehen, wenn auch am heimischen Arbeitstisch mehr als genug zu tun ist: Schließlich ist Epaminondas Kunst global nachgefragt und wurde inzwischen in renommierten Institutionen wie dem New Yorker MoMA, der Frankfurter Schirn, der Malmö Konsthall oder dem Künstlerhaus Bethanien gezeigt, dazu sind Galerien wie Ropac (Paris), BolteLang (Zürich) und Rodeo (Istanbul) in die Vermarktung involviert.

Epaminondas Kunst manifestiert sich derzeit in eleganten Installationen, subtilen Collagen und unspektakulär anmutenden Videos. In denen passiert bisweilen wenig bis gar nichts – außer, dass ein Marabu im Zoo döst. Sie erklärt: „Malerei hat mich immer interessiert. Aber ich spüre gleichzeitig eine gewisse Art von Distanz zu dem Prozess des Malens selbst. Ich möchte mit Vorhandenem arbeiten – suchen und finden. Im Prinzip ist der leere Raum meine weiße Leinwand.“ Der bereits in Moderne und Postmoderne ausgiebig erprobten Praxis der Verbindung scheinbar disparater Dinge einen weiteren, manchmal erheiternden, manchmal verstörenden Dreh zu geben, ist Epaminondas großes Talent. Dieses korrespondiert mit biografischen Momenten auf unheimliche Weise. So haben sowohl der von der Generation ihrer Eltern getragene Befreiungskampf in ihrem Herkunftsland als auch der tägliche Existenzkampf in Nikosia, einer von latenter Kriegsgefahr bedrohten, geteilten Stadt, schwerwiegende Spuren in der Familiengeschichte der Künstlerin und in ihrem eigenen Bewusstsein hinterlassen.

Wer will, kann auch in ihrem künstlerischen Credo, das sie bei John Baldessari geliehen hat, Spuren davon wiederfinden: „Bringt man zwei Dinge zusammen, die perfekt zueinanderpassen, ist es zu sauber, dann ist da nichts dahinter. Passen sie überhaupt nicht zusammen, dann klappt gar nichts. Es ist eigentlich wie in der Chemie – die Mischung muss stimmen, und dann fangen Sachen an zu passieren.“ Der wachsende Erfolg ihrer minimal-invasiven Kunst lässt sich vielleicht so erklären: Als Angehörige einer post-ideologischen, pragmatisch orientierten Generation versucht sie, Bilder aus jedem vordergründigen historischen und gesellschaftlichen Kontext zu befreien und bietet damit in diesem künstlichen Freiraum dem Betrachter an, sich auf die Spuren eigener Assoziationen zu begeben. Und auch wenn fraglich bleibt, inwieweit sich Vorwissen komplett ausblenden lässt, so trifft ihre Einladung zum eigensinnigen gedanklichen Umherschweifen doch den Nerv einer Zeit, in der fast jeder nahezu rund um die Uhr auf allen verfügbaren Kanälen mit Botschaften anderer bombardiert wird.

Text: Gunnar Lützow

Foto: Harry Schnittger

Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst 2013 Ausstellung im Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 30.8.–12.1.

Verlosung 10 x 2 Freikarten
Mail bis 30.8. an [email protected],de, Kennwort: Nationalgalerie

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