Ausstellungen

„Queensize“ im me Collectors Room Berlin

Ob es ihn gibt, den spezifisch weiblichen Blick? Den männlichen bestimmt. Er sorgt zum Beispiel dafür, dass Frauen, obwohl an den Kunsthochschulen in der Mehrheit, am Markt eine Minderheit bilden. Auktionskataloge bestätigen dies. In Museen sieht es nicht viel besser aus, auch wenn die Zahl der Ausstellungen steigt, in denen das sogenannte schwache Geschlecht seine vollen Stärken ausspielen kann.
Welche Themen bewegen die Damen, was für Stilmittel setzen sie ein, und vor allem: Worauf richtet sich die Vorliebe eines männlichen Sammlers? Thomas Olbricht sagt, er habe noch nie danach geguckt, ob es sich um das Werk eines Mannes oder einer Frau handele, sondern immer nur nach guter Kunst. Er bemerke „prinzipiell“ keinen Unterschied. Vielleicht aber seien Frauen etwas „offensiver und radikaler, sie gehen Tabuthemen eher an“.
In seinem me Collectors Room kann man die geballte Frauenpower erleben. Dort zeigt Thomas Olbricht, der seit 30 Jahren sammelt und mit seiner Stiftung wichtige Jugendarbeit leistet, einen Ausschnitt seiner Kollektion. „Queensize“ präsentiert etwa ein Drittel der Künstlerinnen, auf die sein Augenmerk „intuitiv und zufällig“ gefallen ist: 150 Werke von 60 Künstlerinnen – große Namen und wenig bekannte.
Um die 40 Prozent seiner rund 4?000 gesammelten Werke stammen von Frauen. Wie bringt man diese, die in verschiedenen Medien arbeiten, unter einen Hut? Indem man selektiert. Die Kuratoren Nicola Graef und Wolfgang Schoppmann haben sich einen thematischen Parcours ausgedacht. Er orientiert sich an den Lebenszyklen, ergründet Bewusstseinszustände.
Denn die Frauen richten ihren Blick gern auf sich selbst und den Menschen, sein Innerstes. Wünsche und Befindlichkeiten, Träume und Verfall werden ebenso thematisiert wie das Spiel mit der Identität. Da posieren Inge und ihre Mutter Emma aufgetakelt wie die Zirkuspferde in ihrem überladenen Salon auf einem Foto aus der Serie „Reiche und Berühmte“ von Daniela Rossell, während Dawn Mellor „Mia Farrow“ fratzenhaft entstellt.  
Wie Schein und Sein auseinanderdriften, beschäftigt auch Marlene Dumas. Aus ihrer Tuschezeichnung „Nobody’s baby“ blickt uns der schwarze Tod in Gestalt einer Bestrapsten mit entblößten Brüsten entgegen. Mag sein, dass es sich um eine Prostituierte handelt – oder um die Sinnlichkeit bis zur letzten Konsequenz. Eindeutigkeiten widersetzt sich gute Kunst.
Der Ausstellungstitel „Queensize“ bezieht sich auf das zweitgrößte Bettenformat – das Bett als Chiffre für den existenziellen Ort, in dem jeder Mensch intensiv Leid und Lust erlebt. Guter Titel, doch etwas kurios, dass man bei Frauen gleich das Bett assoziiert. Wie kam es dazu? Kuratorin und Dokumentarfilmerin Nicola Graef hatte die Idee. Sie beschäftigt sich schon länger mit weiblicher Identität und findet, die „Königinnenklasse“ sei die ?“bestfunktionierende Chiffre für die Komplexität des Lebens“.
Insgesamt seien „Frauen im Kunstbetrieb immer noch unterrepräsentiert“, so Graef. Aber es gehe natürlich nicht darum, sie deshalb herauszustellen, sondern um die Qualität ihrer Arbeiten. „Interessanterweise ?sind wir gerade in einem Kontext, in dem Künstlerinnen stärker in Ausstellungen in Erscheinung treten.“ Und ?was macht den weiblichen Blick in der Kunst aus ihrer Sicht aus?
„Frauen nehmen die Welt anders wahr. Mädchen wachsen anders auf als Jungen. Ich glaube, der Körper spielt im Leben einer Frau eine besondere Rolle. Er hat eine größere Präsenz“, meint Nicola Graef. Das spiegelt sich in der Schau wider. Es geht darin weniger um den Blick auf die Welt. „Der Kern der Ausstellung ist: Wie nehmen Frauen sich selber wahr und wie kollidiert ihre Eigenwahrnehmung mit dem Blick, der auf sie geworfen wird?“
Frauen zeigen also Frauen, beschäftigen sich häufig mit ihrer Identität. Das kann der Besucher an einer großen Fotowand studieren. Eine Wand der Kontraste, die der Frage nachspürt: Wer bin ich? Dort lässt etwa Bettina Rheims Frauen nackt posieren. Jitka Hanzlovб nimmt die junge „Jaqueline“ ohne Inszenierung ins Visier. Sie steht einfach nur da mit ihrem Kopftuch. Nehmt mich so, wie ich bin, scheint dieses Bild zu signalisieren.
Mit der Selbstbestimmung ist es nicht allzu weit her im männlich dominierten politischen Kontext. Dem nähert sich der letzte der drei Räume. Im Video von Nathalie Djurberg kommt der Frau eine Opferrolle zu. In einer patriarchalischen Welt kann sie freilich auch zur Kämpferin oder gar zur Täterin mutieren, fremdbestimmt bis zum bitteren Ende.
Der einzige Mann in der Ausstellung ist der „Dad“ von Elizabeth Peyton, mal abgesehen vom großen Phallus, den Cindy Sherman ins Auge fasst. Der erste Blick auf die weibliche Identität sei der männliche des Vaters, behauptet die Kuratorin. Was nicht ohne Folgen für das Leben einer Frau bliebe. Das kleine Porträt des jungen „Paul Peyton“ schrumpft den Übervater und stilisiert ihn zum jugendlichen Helden.

Text:
Andrea Hilgenstock

Foto: Daniela Rossell

me Collectors Room Berlin Auguststraße 68, Mitte, Di–So 12–18 Uhr, ?7.12.– 30.8.2015

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