Fotografie

„Queerness in Photography” im C/O Berlin: Geschichte des Crossdressings

Das C/O Berlin beleuchtet in der umfassenden Ausstellung „Queerness in Photography” fließende Geschlechteridentitäten sowie die Repräsentation derselben in Vergangenheit und Gegenwart. Die Ausstellung ist in drei Abschnitte geteilt.

Casa Susanna in den Catskill Mountains – ein Safe Space für Cross Dressers in den 1960er Jahren in den USA. ca 1960. Foto: Courtesy Cindy Sherman Collection

„Queerness in Photography“: Aufbruch der Norm im C/O

Es war riskant, ein Kleid im Schrank zu haben – mehr noch: sich als Mann in den 1960er-Jahren darin fotografieren zu lassen. Aber genau das taten die Männer in der Casa Susanna, einem Zufluchtsort für Cross-Dresser in den Bergen nördlich von New York. Das Tragen von Frauenkleidern war für Männer strafbar. Die damit einhergehende Gefahr von Gefängnis und gesellschaftlichem Absturz sieht man ihnen auf den Fotografien nicht an. Stattdessen Momente der Ausgelassenheit, in denen sie dem sonst versteckten Teil ihrer Identität Raum geben.

An die Casa Susanna erinnert eine der drei Ausstellungen. Die Bilder stammen aus einem Fotoalbum – einem Flohmarktfund der Fotografin Cindy Sherman. Diese historischen Dokumente bilden eine wertvolle Ergänzung zur Sammlung des französischen Filmemachers Sébastien Lifshitz, dem Kernstück der Schau „Under Cover. A Secret History of Cross-Dressers“. Sie ist ein fotografischer Streifzug durch 120 Jahre Crossdressing, also wenn die Kleidung des anderen Geschlechts getragen wird. Die rund 400 Fotos, kleinformatig und meist schwarz-weiß, füllen das Erdgeschoss. Es sind primär private Bilder, Amateurfotos, die Lifshitz auf Flohmärkten entdeckt hat.

Eine Ausnahme bilden dabei die Künstlerportraits. Denn ein bedeutender Bereich des Crossdressings war die Bühne, wo das Spiel mit den Geschlechterrollen als Unterhaltungskunst geduldet wurde. So hängen hier Staraufnahmen der britischen Music Hall Sängerin Vesta Tilley, die schon 1880 im Frack auftrat. Sogar Marlene Dietrich wusste von ihr und verwies auf sie, wenn der männliche Look Thema war. Warum Marlene sonst auch heute noch relevant ist, haben wir hier aufgespürt. Eine andere Nische des Crossdressings waren die Prisoner of War Camps im Ersten und Zweiten Weltkrieg, in denen auch Theater gespielt wurde und Männer Frauenrollen übernahmen – samt dazugehöriger Kleidung. 2014 machte das Schwule Museum mit der Ausstellung „Mein Kamerad – Die Diva“ bereits darauf aufmerksam.

Perlenketten und entfernte Brüste

Auch außerhalb des Rampenlichts zogen Frauen Hosen an, wie Aufnahmen um 1900 vom Campus eines Frauencolleges in den USA zeigen. Hier schauen junge Frauen in Anzügen mit Krawatte und Zigarre selbstbewusst fröhlich in die Kamera. Die Fotos weisen in die Zukunft: Ein Leben mit mehr Rechten und Selbstbestimmung für Frauen. Nachdem das Frauenwahlrecht 1919 in den USA eingeführt wurde, schwanden solch Selbstzeugnisse.

Jim, USA, ca. 1950. Anonymous. Foto: Sébastien Lifshitz Collection

Bewegender sind die Bilder von Einzelpersonen. Darunter ein schlanker Mann im weißen Sommerkleidchen und graziösen langen Beinen, der sich im Garten auf einer Liege sonnt. Dabei bedarf es nicht mal ein ganzes Outfit: Perlenkette oder Ohrringe genügen, dem Lebensgefühl einer Frau nahe zu sein. Sowie bei„Jim“, dessen sanfte Gesichtszüge ihm etwas Androgynes verleihen. Sein in sich gekehrter Blick verrät ein Gefangensein in gesellschaftlichen Normen.

Einen Sprung in die Gegenwart macht im Obergeschoss die dritte Ausstellung „Orlando“, kuratiert von der Schauspielerin Tilda Swinton. Sie spielte die Hauptrolle in der Verfilmung (1992) von Virginia Woolfs gleichnamigem Roman. Darin reist Swinton mal als Mann, mal als Frau durch die Jahrhunderte. Elf Fotograf:innen hat sie für C/O ausgewählt, die fluide Geschlechteridentitäten verhandeln. Groß und protzig kommen die inszenierten Bilder meist daher. Lediglich Collier Schorrs Fotoreihe einer jungen Frau, die auch körperlich den Schritt zum Mann macht, visualisiert durch Narben nach entfernten Brüsten, zeigt welch emotionaler Sprengstoff zwischen Identität und Repräsentation derselben stecken kann.

Das Ausstellungstrio ist ein klares Plädoyer für die queere Community, und selten war so eine Schau in der Größe an solch einem prominenten Ort zu sehen. Sie verschafft einen facettenreichen Überblick zum Thema und zeichnet sensibel nach, wie verwurzelt die Geschlechterfrage in unserer Gesellschaft ist.

Das C/O Berlin bietet zudem ein umfangreiches Begleitprogramm zur Ausstellung mit Filmen und Vorträgen.

  • C/O Berlin Hardenbergstr. 22-24, Charlottenburg, tgl. 11–20 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei, bis 18.1.2023, weitere Infos hier.

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Von C/O Berlin sind es nur zwei Stationen mit der U2 zum Nollendorfplatz, Berlins queere Heimat in Schöneberg, die wir mit unserem Guide durch den Regenbogenkiez vorstellen. Dort findet sich auch manch Antwort zu den vielen Facetten der Genderfrage und Identität, vor allem im Buchladen Prinz Eisenherz, der zur queeren Literaturszene der Stadt gehört und Teil dieser 12 bunten Organisationen, Verlage und Projekte ist. Ein Blick ins queere Leben der Berlins bietet unsere Rubrik „Queer”. Und in welche wundersame Welten die Kunst der Stadt euch sonst noch entführt, zeigen euch unsere Tipps für aktuelle Ausstellungen in Berlin.

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