Ausstellungen

„R.B. Kitaj (1932-2007). Obsessionen“ im Jüdisches Museum Berlin

R.B._Kitaj_marranoQuasi in letzter Minute konnte sich der New Yorker Leihgeber dazu durchringen, ein Hauptwerk Kitajs über den Atlantik zu schicken: „The Autumn of Central Paris (after Walter Benjamin)“ steht nun im Zentrum der Berliner Retrospektive, der ersten umfassenden Schau seit dem Selbstmord des Künstlers 2007. Unter der mondänen Markise des legendären Cafй Les Deux Magots sinniert der Philosoph Benjamin mit geschlossenen Augen hinter dicken Brillengläsern. Das Kantig-Konturierte von Ronald Brooks Kitajs farbenfrohen Figuren erinnert oft frappierend an Lyonel Feiningers Personal. Doch erweitert der 1932 in Ohio Geborene das prononciert Flächige um Schnipsel aus vielen Quellen. Da ist die „Geschichte vom Zappelphilipp“ als Zitat in „London by Night“ ebenso wohlfeil wie ein Foto von Aby Warburg beim Schlangentanz.

Kitaj plündert die Kunstgeschichte nach Kräften und setzt sie raffiniert in neue Bezüge. So liegt seinem Gemälde „Amerika (Baseball)“ unerwarteterweise die „Königliche Jagd“ von Velazquez zugrunde. Und Erasmus von Rotterdams Randkritzeleien ermunterten Kitaj bereits 1958 zu allerlei maskenhaften Fratzen, die ihn gemahnen an die „surrealistische automatische Kunst, die mir seit Jahren schwer im Magen liegt“. Als Wegbereiter der britischen Pop-Art in den 1960er Jahren leistete er mit seinen Künstlerfreunden David Hockney, Eduardo Paolozzi und Lucian Freud einen eminenten Beitrag zum Aufbruch der Kunst aus der Abstraktion.

R.B.Kitaj_ohio-gangIm Walter Benjamin erblickt der einstige Matrose und Weltenbummler Kitaj nicht allein wegen der gemeinsamen jüdischen Abstammung einen Bruder im Geiste: „Benjamin und ich, wir sind leidenschaftliche Büchersammler, Rotlicht-Flaneure, Großstadtkreaturen, Obskurantisten und in der Art, wie wir ein Kunstwerk komponieren, Montagekünstler. Ich liebe seinen Stil, seine kultische Verehrung des Fragments.“ Sammeln und Montieren: Kurator Eckart Gillen stieß in Kitajs überbordendem Künstlerarchiv in L.A. neben textlichen Fingerzeigen auf eine Fülle von Inspirationen und Vorstufen jener Bilder, die der Kaffeehausfan Kitaj allmorgendlich auf Servietten fixierte. Um sich mit dieser Welt und den diversen Bildquellen besser vertraut machen zu können, werden nun in die Ausstellungslandschaft locker Cafйtische und -stühle eingestellt. Hinsichtlich des Herbst-Gemäldes machte Gillen eine verblüffende Entdeckung: Der Kopf von Walter Benjamin auf diesem Bild trägt seltsamerweise nicht dessen bekannte Gesichtszüge, sondern – wie ein Zeitungsausriss belegt – das markante Antlitz sowie die erhobene Hand von George S. Kaufmann, der für die Marx Brothers schrieb. Da schimmert der Filmenthusiast Kitaj durch. Bewusst trachtete dieser danach, die Grenze zwischen Bild und Text einzuebnen.

Nachdem die Kritiker 1994 seine Ausstellung in der Londoner Tate schmähten, kehrte er England entnervt den Rücken und wagte einen Neuanfang in Kalifornien. Erst mit 43 Jahren setzte er sich verstärkt auseinander mit seiner jüdischen Identität im Spiegel der Erfahrung des 20. Jahrhunderts. Subtil überblendet er im Schlüsselbild „Marrano (The Secret Jew)“ das Gesicht eines sich auf einer Couch leger hinfläzenden Zeitgenossen mit Baskenmütze mit demjenigen von Giottos Franziskanermönch aus dem Quattrocento. „Marrano“ (spanisch für „Schwein“) war während der mittelalterlichen Judenverfolgung auf der iberischen Halbinsel ein geläufiges Schimpfwort für Juden, welche die Christen vor die Alternative der Zwangstaufe oder Verfolgung stellten.
Kitaj wollte ausdrücklich keine jüdische Kunst schaffen, vielmehr eine „diasporistische“, denn: „Ein Diasporist lebt und malt in zwei oder mehr Gesellschaften zugleich“.

Text: Martina Jammers

Foto:  R.B. Kitaj Estate. / Collection of Michael Moritz & Harriet Heyman (oben links), R.B. Kitaj Estate 2012. / Digital image / The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence

R.B. Kitaj (1932-2007). Obsessionen Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, Kreuzberg, Mo 10-22 Uhr, Di-So 10-20 Uhr, 21.9.-27.1.2013

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