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Rainer Fetting in der Berlinischen Galerie – Teil 2

Fetting_RainerIm Kern gehe es um etwas, das von innen kommt und auch an Inneres rührt. Dort lässt sich der Introvertierte nicht hineinschauen. Ein Selbstdarsteller ist er wider Erwarten nicht, dafür schlüpft er zu
gerne in verschiedene Rollen. Sein Ich scheint ein anderer zu sein, und vielleicht ist das nur Distanz, um keinen nah an sich ranzulassen. „Als Maler muss man Leute beobachten und nicht selber im Mittelpunkt stehen“, findet der Norddeutsche, der 1972 nach Berlin zog. Noch während des Studiums an der Hochschule der Künste wurde Fetting zum Mitbegründer und Protagonisten der legendären Selbsthilfe-Galerie am Moritzplatz. Im oberen Stockwerk wohnte er mit seinem damaligen Partner Salomй. Man hatte sich während des Kunststudiums und durch die Homosexuelle Aktion Westberlin kennengelernt, zog zum Malen sogar auf die Straße. Der Hunger nach Leben war groß.

Früh von Erfolg belohnt, verglühte der Hype um die „Neuen Wilden“ und ihren „New Spirit in Painting“ Ende der 80er Jahre. Es wurde ruhig um die Künstler. Doch im Gegensatz zu seinen Mitstreitern – Helmut Middendorf, Bernd Zimmer, Luciano Castelli – blieb Fetting weiterhin im Gespräch. Als virtuoser Bildhauer eroberte er sich neues Terrain, und am Auktionsmarkt ist er der Beständigste. Zuletzt brachte eines seiner Mauerbilder 125.000 Euro bei Villa Grisebach.

Die Vergangenheit hat der 61-Jährige hinter sich gelassen, ihn interessiert die Gegenwart. „Ich hab so einen Drang, immer neue Bilder zu malen“, sagt Fetting beim Gang durchs Atelier, wo sich angefangene und vollendete Werke über Wände und Boden verteilen. Auf einem bricht eine Welle wie ein Tsunami über den Betrachter herein. Eine grüne Flut, deren Gischt sich aufbäumt vor der Promenade von Westerland. Visionäre Fiktion, gemalt Anfang dieses Jahres. Eigentlich sei ihm die Woge zu groß geraten, merkt er kritisch an. Doch ein bisschen Übertreibung gehöre dazu. Sie erhöhe die Spannung eines Bildes, und packend wirkt das vehemente Seestück. Seine Meereslandschaften zeigt die Galerie Desch­ler in diesen Tagen. Während er hier einen grünblauen Farbenrausch mit Sogwirkung entfacht, empfängt den Besucher im Museum die stille Magie der „Gelben Mauer“ von 1977. „Damals hat die Mauer niemand so gemalt. Sie bot sich einfach an, um ein interessantes Zeitbild zu malen.“

Eine Metapher ist sie darüber hinaus für die Grenze zwischen dem Ich und seinem Gegenüber. Diese Auseinandersetzung mit der Umgebung vermisst man heute bei vielen Malern. Nicht so bei diesem Stimmungsfänger des flüchtigen Augenblicks. Kurz nach der Wende setzte er den „Psychedelic East I“ als schrilles Rollenspiel in Szene oder verlieh der Berlin-Baustelle den Anstrich des ewig Unfertigen. Ein Meister des schwungvollen Duktus und der kraftvollen Farben, über den das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Text: Andrea Hilgenstock

Rainer Fetting. Berlin Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 15.4.–12.9.2011

Rainer Fetting. Neue Arbeiten Galerie Deschler, Auguststraße 61, Mitte,
Di–Sa 11–18 Uhr, 19.4.–1.7.2011

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