Ausstellungen

Rainer Fetting in der Berlinischen Galerie

Fetting_RainerVincent van Gogh soll sich ein Ohr abgeschnitten haben. Dabei sei es wahrscheinlicher, dass Gauguin es ihm abschlug. Das sagt Rainer Fetting, der die These gerade in einem Buch gelesen hat. Die Welt ist voller Klischees, und die Wahrheit kennt am Ende nur einer. Tatsächlich scheint sein Misstrauen angebracht zu sein. Denn die Wirklichkeit ist eine Sache, ihre Rezeption und Vermarktung eine andere.

Fetting liest viel, auch zu Politik und Zeitgeschehen. Es ist selten, dass ein Maler sich so anregend zum Tagesgeschehen äußert, ja überhaupt eine Meinung jenseits des Kunsthorizonts vertritt. Meereslandschaften malt er neuerdings, Regen und Sturm auf Sylt. Dort lebt der Künstler, wenn er nicht durch Berliner Straßen streift. Die Kamera stets griffbereit. Das schult den Blick auf die sich verändernde Stadt. Ihre Dynamik interessiert ihn ebenso wie das ins Schwanken ­geratene Männerbild, das der Unangepasste, der sich „Selbst als Gustaf Gründgens“ darstellte, über die Jahre expressiv figurativ begleitete. Dabei ist seine Bandbreite größer als unsere Klischeevorstellungen. Beim Atelierbesuch in der Hasenheide wird rasch klar, dass das Etikett des „Neuen Wilden“ diesen genau beobachtenden Künstler nur unzureichend charakterisiert.

„Das Auflösen in eine möglichst abstrakte Form, aber mit Erkennungswert, darum geht es mir.“ Wenn man näher herantritt an seine Seestücke, entzieht sich die vorgestellte Wirklichkeit. Aus der Distanz bleibt sie zu erkennen. Sehstücke eben. In seinen Skulpturen begegnen sich Realität und Abstraktion auf ähnlich energetische Weise. In der SPD-Parteizentrale steht sein Willy Brandt, der zerfurcht und zerklüftet von der Geschichte diese mit ausladender Geste prägt. Es scheint, als strebe er auch in den Gemälden nach der Verbindung von Gegensätzen: Statik und Bewegung, Farb-Fläche und dritter Dimension. Spannung zu erzeugen ist ihm wichtig. „Ich will immer das noch aufregendere Bild malen“, bekennt er, der vor 30 Jahren­ jene Berühmtheit erlangte, wie sie heute die Leipziger Schule verbuchen kann. Figuration war auch damals Thema. Der Umgang mit ihr allerdings anders, persönlicher.

In seiner Ausstellung in der Berlinischen Galerie lassen sich die Unterschiede ausmachen, aber auch im Gespräch mit dem Künstler, der schon am Nimbus der Berliner Malerei arbeitete, bevor der Markt der Zeitgenossen in den 80er Jahren erstmals zu boomen begann. Fetting malt, was er sieht, verknüpft gelebtes Leben und individuelle Erfahrung mit der Kunst-Geschichte. Wobei die Berlinische Galerie nur einen Ausschnitt zeigt aus seinem umfangreichen Werk, das man gerne einmal in einer großen Retrospektive sähe.

Realitätsbezug spiegelt sich allerorten in seinen Bildern: Berlin vor und nach dem Mauerbau, Männer-Erotik sowie die Musik bieten ihm Motive. Mehr Atmosphäre als Konzept, mehr Emotion als Gedankenspiele versprüht seine Malerei, die allerdings ein hohes Maß an kompo­sitorischer Reflektiertheit und technischer Raffinesse besitzt. Selbst Drummer, bringt er den Rhythmus auf die Leinwand. Das Club­leben im SO 36 oder in der New Yorker Bowery. „Hier sah ich Richard Hell und The Voidoids und filmte die Band Police„. Die Serie zu „Drummer und Gitarrist“ erzählt davon. Man blickt dem Schlagzeuger quasi über die Schulter und lässt sich fesseln von Farbe und Furor. Gitarre würde er gern spielen können, aber so rückt er eben als Maler den Sound ins Bild. Etwa die Rolling Stones, die ihn beeindrucken, „weil sie in der Musik ausdrücken, was ich in der Malerei sagen will“.

1 | 2 | vorwärts

Mehr über Cookies erfahren