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Raubkunst: Gurlitt – kein Vorreiter für Recht und Anstand

Jacek_Slaski_c_schnitger_kleinCornelius Gurlitt hat eingewilligt, seine Kunstsammlung von einem Expertenteam auf ihre Herkunft überprüfen zu lassen und in allen Fällen, in denen sich der Verdacht auf Raubkunst bestätigt, die Bilder an die in der NS-Zeit geschädigten Eigentümer zu restituieren. Die Provenienzforscher haben dafür ein Jahr Zeit. Anschließend gehen die restlichen Bilder anstandslos an den Sohn von Hildebrand Gurlitt zurück, einen jener Kunsthändler, die vor und während des Krieges im Auftrag der Nazis munter mit geraubter und „entarteter Kunst“ handeln durften.

Den Deal haben Gurlitts Anwälte klug ausgehandelt. Er signalisiert eine Bereitschaft, sich der moralischen Verantwortung gegenüber den ursprünglichen Besitzern zu stellen, und gleichzeitig ist es für die bayerische Staatsanwaltschaft ein sauberer Ausweg, sich aus der Affäre zu ziehen. Denn die Beschlagnahme der in München und später auch in Salzburg gefundenen etwa 1400 Werke ist alles andere als rechtstaatlich korrekt. Ob es jemals zu einer Verurteilung Gurlitts gekommen wäre, erscheint hier mehr als fraglich. Diese Vereinbarung löste einen medialen Ruck aus und Hoffnungen auf ein allgemeines Umdenken im Bezug auf Raubkunst wurden laut.

Vom kruden alten Herren, der einen geheimen Schatz hütet, wandelt sich Gurlitt in der Öffentlichkeit plötzlich zu einem Vorreiter für Recht und Anstand. Wer jedoch tatsächlich glauben sollte, dieser Fall würde andere private Kunstbesitzer dazu bewegen, ihre Sammlungen zu durchleuchten und gegebenenfalls Werke zurückzugeben, ist mehr als naiv. Im Gegensatz zu reuigen Steuersündern, die aufgeschreckt durch Hoeneß und Co. ihre Finanzen offenlegen, müssen sich Kunstsammler vor keinen juristischen Sanktionen fürchten. Dafür haben die diesbezüglich empörende Rechtslage und längst abgelaufene Verjährungsfristen gesorgt.

Auf das Gute im Menschen ist wenig Verlass, wenn es um Millionen von Euro geht, und Gurlitt ist da eher als historischer Einzelfall zu bewerten. Er ist ein einsamer, weltfremder, alter Mann, über den die Weltöffentlichkeit hereingebrochen ist und der wohl einfach nur seine Bilder, wenn auch nur einen Teil davon, und seine Ruhe haben will. Seine Anwälte haben ihn beraten, ob sie ihn gedrängt oder ihm den Deal eingeredet haben, wird man vermutlich nie erfahren. Als Symbolfigur eignet er sich nur bedingt, denn ein Interesse an der Erforschung seiner Sammlung, geschweige denn an einer Restitution, hat er zuvor nie gehabt. Die Zeit dafür wäre gewesen.

Foto: Harry Schnitger

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