Ausstellungen

Feministische Performances in Akademie der Künste

Yoko-OnoGleichzeitig wird das laten­te Potenzial von sexistischer und rassistischer Gewalt und die Lust an der Zerstörung deutlich exponiert. Die Performance „Cut Piece“ inszenierte Ono 1964 in Japan. Nach fast 40 Jahren erneuert sie 2003 die nämliche Performance anlässlich der Invasion amerikanischer Truppen im Irak. Diesmal als Aufruf für den Frieden und als Protest gegen das politische Klima nach dem 11. September 2001. Nun fordert Yoko Ono das Publikum auf, das ausgeschnittene Stück ihrer Kleidung als Botschaft der Versöhnung an eine geliebte Person zu verschicken. Die beiden Videos werden miteinander konfrontiert und lotsen den Besucher in die aktuelle Schau „re.act.feminsm – Perfor­mancekunst der 60er und 70er Jahre heute“.

Die Akademie der Künste am Hanseatenweg scheint dafür der idealtypische Ort, entstand der Neubau im Westen der Stadt doch 1960 im damaligen Vorzeigeobjekt der Moderne, dem Hansaviertel. Doch ist die Performance als Sparte feministischer Ausdruckskunst, die den Körper und die Handlungen der Künstlerinnen zum Medium der Kunst werden lässt, nicht genauso Schnee von gestern wie der Präsentationsort? Hat sich nicht längst reichlich Edelrost der Geschichte gelegt über diese so quicklebendige Kunst, die von vielen Frauen einst als Befreiungsschlag empfunden wurde? Sie wollte Kunst und Leben verschränken, das Private mit dem Öffentlichen. Was hat uns eine dezidiert weibliche Kunst noch zu sagen im Zeitalter der fröhlichen Alpha-Mädchen, die partout nicht angekränkelt werden wollen von der Blässe feministischer Gedanken? Und wie vital ist das Genre Performance überhaupt im 21. Jahrhundert: Haben jüngere Künstlerinnen eine neue Sprache gefunden?

re.act.feminism_Tanja_Ostojic_PolUm nichts weniger als eine Bestandsaufnahme weibli­cher Performancekunst ging es den Kuratorinnen Bettina Knaup und Beatrice E. Stammer. Aus einer schier unüberschaubaren Materialfülle haben sie 24 Künstlerinnen ausgewählt, die von 1960 bis zur Gegenwart markante Positionen bezogen und wegweisende Performances durchgeführt haben. Rund zwei Drittel der präsentierten Aktionen stammen von Künstlerinnen der ersten Stunde. Die Studentenrevolte wie auch die Frauen-, Bürgerrechts-, Friedens-, Schwulen- und Lesbenbewegung liefern den Humus für die neue prozessorientierte Kunstform. Sie wird genuin von Frauen besetzt, die sich mit der Performance entschieden gegen eine formalistische, auf das Kunstobjekt und auf Vermarktung ausgerichtete Kunst wenden. Die Erweiterung des Kunstbegriffs weg vom materiell greifbaren Artefakt lag freilich in den 60er Jahren in der Luft. Bewusst wird die Entgrenzung angestrebt, indem Musik, Tanz, später das Video einfließen in die Performance. Sucht man deren Wurzeln, so wird man beim Dadaismus fündig, der ja keineswegs so sinnfrei gewesen ist wie gerne behauptet, vielmehr vehement gegen staatliche Willkür und den Ersten Weltkrieg rebellierte.

Gleichwohl gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede beim Umsetzen des Konzepts von der „sozialen Plastik“: Wo Joseph Beuys mit Filz und Fett – also Materialien – hantiert, da avanciert bei den Frauen der Körper zum künstlerischen Medium. Zu den Pionierinnen der Performance gehört zweifelsohne die 1940 geborene Österreicherin Valie Export. Bekannt wurde sie mit ihrem „Tapp- und Tastkino“, mit dem sie – marktschreierisch angepriesen von ihrem Verbündeten Peter Weibel – in den 60er Jahren mit einem über ihre Brüste geschnallten, mit Luken versehenen Karton die Zuschauer/Besucher am Münchner Stachus dazu ani­mierte, beide Hände durch den Eingang in diesen sehr speziellen „Kinosaal“ zu führen. Die taktile Rezeption steht gegen den Betrug des Voyeurismus. Das „Kino“ wird zum Projektionsraum männlicher Fantasien. Elementarer Bestandteil solcher Aktionen ist natürlich die Reaktion oder in diesem Fall sogar die – mal draufgängerische, mal verschämte, mal empörte – Interaktion des Publikums. Hier entsteht zwangsläufig ein Dilemma für die Ausstellungsmacher, können sie diese Seite allenfalls andeuten oder eben vergegenwärtigen durch Filmdokumente.

Nun würden sich aber 22 Geräuschquellen nebeneinander ge­genseitig torpedieren. Die Lösung ward gefunden in einem Videoarchiv, das über 70 Performances offeriert und in das sich der Akademiebesucher nun mit einem Kopfhörer vertiefen kann – 16 Stunden lang, wenn er es ausreizen möchte (weil selbst die Akademie nicht so lange geöffnet hat, gilt die Eintrittskarte für zwei Tage). Auch das Nachstellen diverser Aktionen zeitigt das durch zahlreiche verschenkte Beuys-Ausstellungen sattsam bekannte Problem, allenfalls mausetote Rudimente feilzubieten, welche die einstige Quirligkeit nicht mal erahnen lassen. Hier muss den beiden Kuratorinnen ein Kompliment gemacht werden, haben sie doch einen sinnlichen wie geschickt rhythmisierten Parcours geschaffen aus Rekonstruktionen der jeweiligen Aktion, mit Fotodokumenten und Videofilmen.

Den ganzen Artikel der Autorin Martina Jammers lesen sie in der aktuellen tip-Ausgabe 02/09.

re.act.feminism Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten, Di-So 11-20 Uhr, bis 8.2.2009

Mehr über Cookies erfahren