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„Regina Schmeken – Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ im Martin-Gropius-Bau

Der NSU-Prozess nähert sich dem Ende, aber noch viele Fragen zum rechtsradikalen Terrorismus bleiben offen. Die Ausstellung „Regina Schmeken – Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ liefert neue Einblicke

Foto: Regina Schmeken, 2015

Am Anfang steht die Besucherin vor einer verschlossenen Pforte. Auf einem großformatigen Foto ist die Tür zum Oberlandesgericht München zu sehen, aufgenommen im Jahr 2013. Damals begann der Prozess gegen den Nationalsozialistischen Untergrund, kurz NSU – jener Organisation, die sich der größten rechten Terrorserie in der bundesdeutschen Geschichte schuldig machte. Während die Verhandlungen vier Jahre später mit vielen offenen Fragen enden, hat hier, im Martin-Gropius-Bau, eine Schau eröffnet, die sich den Morden widmet: Für den Fotozyklus „Blutiger Boden“ besuchte die Fotografin Regina Schmeken über einen Zeitraum von drei Jahren hinweg die Tatorte des NSU.

Bis zu seiner Enttarnung im Jahr 2011 verübte der NSU zwei Sprengstoffattentate, 15 Raubüberfälle und zehn Morde an neun Männern türkischer und griechischer Herkunft und einer Polizistin. Die Geschichte des NSU erzählt Grausames: über die Nachwendezeit in Deutschland, über rechtsradikale Netzwerke in der Mitte der Gesellschaft. In der Kunst ist der NSU deshalb ein Thema. So beschäftigte sich etwa das documenta-Projekt „Die Gesellschaft der Freund_innen von Halit“ mit dem Mord an dem Kasseler Internetcafé-Besitzer Halit Yozgat.
Regina Schmeken, geboren 1955 im nordrhein-westfälischen Gladbeck und bekannt für ihre Bilder in der „Süddeutschen Zeitung“, ist heute eine der der renommiertesten Fotografinnen Deutchlands. Obgleich sie zu den Morden des NSU eine klare Haltung zeigt – „Hinrichtungen“ nennt sie die rassistisch motivierten Morde – ist ihr Ansatz für den Fotozyklus „Blutiger Boden“ kein moralistischer: Raumgreifende Fotografien in Schwarzweiß reihen sich aneinander, darunter hängen schlichte Plaketten, auf denen allein die Namen der Opfer, die Jahreszahl und der Ort des Geschehens zu lesen sind. Nicht mehr, nicht weniger.

Vom schrecklich normalen Alltag in deutschen Mittel- und Großstädten zeugen die Fotografien. Sie zeigen eine Bushaltestelle in München, eine schadhafte Hausfassade in Kassel, Friseur- und Imbissläden in Köln. Graffiti, Eckhäuser, regennasse Straßen – oder ist es Blut, das da noch immer am Boden klebt? Überhaupt, der Boden: Schmeken fängt die Tatorte meist in Bodennähe ein, als solle die Erde selbst sich äußern zum „Blut-und-Boden“-Anspruch der Rechtsterroristen.

Das Wissen um die Verbrechen wendet die Profanität der Szenen ins Bedrohliche; Schmekens düstere, beklemmende Bildsprache deutet dabei den Spottbegriff „Dunkeldeutschland“ um: Nicht nur die neuen Bundesländer, oft als Hort der Rückständigkeit gezeichnet, sind hier gemeint – sondern ein ganzes Land, das den Terror von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe ermöglichte.

Die Opfer indes sind abwesend. Keine Fotos sind zu sehen, keine Kurzbiografien, die dem Betrachter die Ermordeten näher bringt. Allein die Namen der Toten listet eine Infotafel zu Beginn. Da mag sich reflexartig Unmut regen: Wieso belässt man jene Menschen, derer ohnehin zu wenig gedacht wird, auch hier in der Anonymität? Aus gutem Grund: Bis heute ist nicht geklärt, nach welchen Kriterien der NSU seine Opfer erwählte. Die stummen Stadtansichten erzählen von der Hilflosigkeit der Justiz, aber auch der Hinterbliebenen der Opfer. Denn nach heutigem Kenntnissstand hätten die Anschläge des NSU jeden treffen können auf diesen Straßen von Nürnberg bis Heilbronn – jeden Migranten.

Martin-Gropius-Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, bis 29.10., Eintritt 4, erm. 3 €

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