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Nur noch bis Sonntag: „Rembrandt Bugatti“ in der Alten Nationalgalerie

Rembrandt_Bugatti_Panther_c_PrivatsammlungJohnGatesBei seinem bronzenen Panther denkt man unwillkürlich an Rilkes gleichnamiges Gedicht: „Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte (…) ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte.“ Dem Bildhauer mit dem seltsamen Namen Rembrandt Bugatti ist es gelungen, eben dieses geheime Kraftzentrum der Raubkatzen überzeugend wie sinnlich im Dreidimensionalen fühlbar gemacht zu haben.

Der 1884 in eine dezidiert künstlerische Familie Mailands Hineingeborene (daher der ambitionierte Vorname) rückte ab vom Pathos der heroisch posierenden Wildtiere, die sich über das erbärmliche Gefleuch erheben, wie sie im Historismus üblich waren. So überwältigt auf einem Mosaik am Eingang des damals in Europa artenreichsten Antwerpener Jardin zoologique, den Bugatti täglich streifte, ein brüllender Tiger die giftig ihn ankeifende Schlange. Ganz anders stürzt sich Bugatti auf das Individuelle der Kreatur. Zartfühlend lockt er im flämischen Tierpark die Elefanten mit Äpfeln an, die sie mit ihren Rüsseln zu greifen suchen. Stundenlang positioniert er sich vor den Gattern – und modelliert mit Plastilin das Suchende, das Bettelnde der Dickhäuter heraus. Keine Spur von Spott. Vielmehr zeugen seine Skulpturen von innigem Einfühlen in die Tierpsyche.

„Er wird es schaffen“ heißt der animierende Untertitel seines Asiatischen Elefanten mit navigierendem Rüssel. Die lebhaft modellierte Oberfläche des Tieres unterstreicht die Sensibilität des Riesentieres – wie diejenige seines Schöpfers. Hinreißend schildert dieser das weit aufgesperrte Maul eines gähnenden Nilpferdes. Einfühlsam sind vor allem seine Figuren-Ensembles. Da bandelt ein zierliches Kamel auf staksigen Beinen mit einem gut geerdeten Elefanten an. So lässt sich 1911 eine Antilopenmutti mit bandagiertem Bein trösten von ihrem Jungen. Um die Tiere präzise studieren zu können, gewährte ihm der Zoo die tageweise Lizenz, zwei senegalesische Antilopen gar in seinem Pariser Wohnatelier zu halten. Als „Wüstling zwischen Wilden“ fühlte sich der sensible Bugatti unter den Menschen. „Der Zoo, wo ich meinen ganzen Tag verbringe, ist mein Trost.“

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Bildhauer Bugatti lässt einen Esel im Zoo Modell stehen

Mit seiner Menagerie hat Rembrandt Bugatti ein für die Skulptur der Moderne einzigartiges Њuvre geschaffen. Udo Kittelmann – seit den Präsentationen von Walton Ford und Carsten Höller längst der heimliche Zoodirektor Berlins – und Philipp Demandt betonen, dass es sich bei der Bugatti-Schau in der Alten Nationalgalerie mit 100 Werken um die erste museale Einzelausstellung des Künstlers handelt: „Wohl selten ist die Kluft zwischen Talent, Ruhm zu Lebzeiten und Bekanntheit des Familiennamens einerseits und breiter, musealer und kunsthistorischer Rezeption andererseits größer gewesen als bei diesem Künstler, über den sich mehr als ein Schleier des Vergessens gesenkt hat.“

Da wird so mancher die Nase rümpfen: Ist es nicht ein Anachronismus, Tierskulpturen von 1900 auf der Museumsinsel eine solche Bühne zu bereiten? Oder anders gefragt: Wo war der begnadete Bildhauer, als Picasso den Kubismus erfand und Matisse den Fauvismus? Die lakonische Antwort von Kittelmann und Demandt: „Bugatti fehlt. Er ist im Zoo.“ Freilich ist auch dies eine Verkürzung, denn erstens hat der Mailänder bereits als Teenager menschliche Porträts geschaffen, etwa von einem Tenor oder einem Professor voller Standesbewusstsein. Und zweitens setzt er sich in seinem „Mantelpavian“ mit den scharf strukturierten Schollen wie der enormen Dynamik seiner Tiere formal sehr wohl auseinander mit futuristischen und kubistischen Strömungen.

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Einblicke in seine Sammlung.

Die engagierte Kuratorin Anke Daemgen mutmaßt, dass das doch recht jugendliche Alter von 31 Jahren Bugattis Ruhm untergrub. Zugleich überblendete der Automobiltriumph seines Bruders Ettore Rembrandts artistisches Genie. Zwei große Marabus aus Bronze berühren sich 1907 vorsichtig mit den Schnäbeln. Selbst schlaksig von Statur erkannte Bugatti im Marabu sein Alter Ego. In einer Zeichnung hat er sich mit einem solchen Vogel verglichen.

Text: Martina Jammers

Fotos: Privatsammlung John Gates (oben), Zoo Antwerpen / KMDA (Mitte)

Rembrandt Bugatti Alte Nationalgalerie, Museumsinsel, Bodestraße 1-3, Mitte, Di, Mi, Fr, Sa, So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, 28.3.–27.7.

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