Zeichnungen

Romantik und Moderne

Sie dürfen nicht häufig ans Tageslicht: Zeichnungen der Romantik und Moderne bilden die Abschiedsausstellung von Heinrich Schulze Altcappenberg

Vincent van Gogh Brandung, 1888 © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P. Anders

Die Ameisen, die ihm die Aquarell­farben vom Pinsel fraßen, waren Eduard Hildebrandts größter Feind. 1862 begab sich der Berliner Maler auf eine zweijährige Weltreise. Mit dabei: Graphitstift und Pinsel. Per Schiff startete er von Triest aus über Ägypten nach Bombay und Peking, bis ihn seine Reise schließlich über den Pazifik und San Francisco zurück nach Europa brachte. Die Höhepunkte hielt er farbig fest – den Hafen von Nagasaki, Unwetter auf Ceylon oder den Elefant im Sonnenuntergang von Siam.

282 Aquarelle von Hildebrandt besitzt das Berliner Kupferstichkabinett – und das ist noch lange nicht alles. Weltweit beherbergt das Haus mit über 50.000 Handzeichnungen den größten Bestand an Zeichnungen des 19. Jahrhunderts. Forscher aus der ganzen Welt kommen hierher, um etwa Vincent van Goghs Papierarbeiten zu betrachten. Die Institution besitzt rund 660.000 Grafiken und Zeichnungen, und es gibt es faktisch kein Thema, zu dem nicht eine Ausstellung bestückt werden könnte. Der scheidende Direktor, Heinrich Schulze Altcappenberg, der sich 2017 in den Ruhestand verabschiedet, hat jetzt für seine Abschiedsausstellung noch einmal die Schätze sortiert. Unter den knapp über 100 gezeigten Werken sind wahre Pretiosen, die nicht oft ans Tageslicht dürfen.

„Romantik und Moderne“  – im 19. Jahrhundert erfährt die Zeichnung eine enorme Aufwertung und wird autonom. So lassen sich etwa die Anfänge Caspar David Friedrichs betrachten, der mit Sepiazeichnungen um 1803 begann und damals noch gar keine Gemälde malte. Mit seiner Subjektivität und Symbolik macht er die Natur zur Gotteserfahrung. Für Schulze Altcappenberg gilt Friedrichs Lebensalter- und Jahreszeitenzyklus, in dem die Ruine Eldena für den Tod steht, als „Geburtsurkunde der deutschen Romantik“.

Mit ihr setzte die ästhetische Moderne in der Kunstgeschichte ein. Sepien wie „Das Kreuz im Gebirge“ sind eben keine Vorzeichnungen, sondern vollkommen selbständige Arbeiten. Erst später erhielt der Künstler den Auftrag, eine Kopie in Öl zu erstellen. Friedrichs erstes großes Ölbild war seinerzeit umstritten, löste sich der wegweisende Künstler doch von der bis dato üblichen Malerei ländlicher Idyllen mit Getier und zeigte Christus am Kreuz von hinten, dem Sonnenlicht zugewandt.

Überhaupt die Motive. Sie sind zum Teil recht unkonventionell. Der Betrachter kann Dinge in den Zeichnungen entdecken, die auf einem Gemälde niemals ins Bild gesetzt worden wären. Wie der Storch zum Baby kommt bei Max Klinger zum Beispiel, oder „Die Ratte im Rinnstein“ von Adolph Menzel. Die Aquarellfarbe behandelte der Künstler wie Ölfarbe, so dass man bei ihm regelrecht von Malerei auf Papier sprechen kann.

Gezeigt werden Gouachen aus Menzels „Kinderalbum“ von 1863 bis 1883. Menzel schuf es für seinen Neffen und eine Nichte als Kapitalanlage. Die furiosen Bilder vom Löwen im Zoo, der „Versüßten Knechtschaft“ des Kakadus oder dem „Haus im Abbruch“ hielt er verschlossen bis zum Verkauf an seinen Kunsthändler, der die Blätter an die Nationalgalerie veräußerte. Rastlos war Menzel durch Berlin gelaufen in seinem Mantel mit neun Taschen, alle gespickt mit Skizzenbüchern. Im Unterschied zu den heutigen Handyhipstern ging er über die fotografische Realität hinaus und kreierte mit seinen Zeichnungen kleine Erzählungen.

Romantik und Moderne Sonderausstellungshalle am Kulturforum, ­Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr,
Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 15.1.2017

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