Ausstellungen

Russland in Berlin

russenRussland ist riesig und ein Teil davon scheint rund um den Kurfürs­tendamm zu Hause. Reiche Russen kaufen hier gern ein. Sie legen Wert auf Markenkleidung und Tradition. Für einen silbernen Wodkahumpen lassen sie schon mal 56.000 Euro im Auktionshaus Quentin. Sind die Zeiten für Silber und säbelrasselnde Reiter in Öl also noch nicht vorbei – und wer kauft eigentlich Zeitgenössisches aus Osteuropa?
Natürlich gebe es diese Sammler von Antiquitäten und martialischen Motiven, meint Judith Schmutzer, die für die ukrainische Galerie Bereznitsky arbeitet. Doch kämen ständig neue hinzu. „Die Welt ist groß und pluralis­tisch.“ Eine wachsende Zahl russischer Käufer entscheide sich auch für Zeitgenössisches. Was die Ukraine hier zu bieten hat, findet sich in der ersten, auf das Land spezialisierten Galerie in Westeuropa – ein Angebot, nicht nur für Landsleute.

Der Tisch ist reich gedeckt mit Kunst aus Osteuropa im Galerienpark der Hauptstadt. Ob russisch, lettisch oder georgisch, Folklore oder Avantgarde, es gibt das volle Programm. Seidenmalerei aus Weißrussland hat hier ebenso ihren Platz wie „Kitsch und Kunst„. Unter diesem Titel gehen bei Marina Vinogradova zwei Künstlerinnen aus Berlin und St. Petersburg auf Tuchfühlung (bis 25. April). Die Galeristin selbst stammt von dort. Valerij Tarasenko hat das Neueste aus Lettland im Programm. Er handelt aber auch mit russischer Kunst. Einmal jährlich spickt er seine Charlottenburger Räume mit Sozialistischem Realismus, der Propagandakunst von einst, und mit Sowjetimpressionismus, ihrem unpolitischen Pendant. Sind die spannenden Werke der Nachkriegsjahrzehnte wieder abgehängt, gilt sein primäres Augenmerk der jungen – klassischen – Malerei seiner Heimat. Wer Handwerk andernorts vermisst, wird bei TVDART fündig. Paulis Postazs, mit 31 bereits in­ternational gefragt, und Agate Apkalne zählen zu den Stars. Von Politik halten sie sich fern, ihr Menschenbild ist allumfassend. „Qualität überzeugt immer“, findet der Galerist. Ob magisch figurativer Realismus heute oder Arbeiter, Bauern und Helden aus den Jahren der Unterdrückung, die Kunden dafür seien vorwiegend Deutsche und Westeuropäer.

russenAuch Marina Sandmann, Pionierin für Nonkonformismus in Mitte, lebt hauptsächlich von deutscher Nachfrage. Mit Trendkunst hat sie dabei nichts im Sinn. Sie zeigt ausschließlich russische Kunst und zwar genau die, die bei Tarasenko nicht zu finden ist, die inoffizielle, unangepasste der Tauwetterphase und der schwierigen Jahre bis zur Perestroika. Daneben wird Zeitgenössisches vorgestellt. In diesem Jahr feiert die mit einem Deutschen verheiratete Russin ihr 20-jähriges Jubiläum. „Die Suche nach der Freiheit“ hieß die erste Berliner Themenschau der promovierten Historikerin programmatisch. Den ästhetischen Spannungsfeldern, die sich jenseits von Ideologie und Doktrin nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten, blieb sie treu. Ein Konzept mit dem Anspruch musealer Qualität. Davon sind international operierende Galerien, die sich auf aktuelle Tendenzen stürzen, oft weit entfernt. Das Dilemma bringt Marina Sandmann auf den Punkt: Entweder folgen wir weiter unserem Gespür für Kunst oder wir beugen uns dem Diktat des Marktes.“

Bei Volker Diehl kann man sehen, wie sich kommerzielle As­pekte niederschlagen. Hier fällt das russische Provoduo Blue Noses auf und auch der in Moskau lebende Tschetschene Alexey Kallima. Jüngst trieb er in „Private Party“ seine Späßchen und verpasste deutschen Promis angemalte Bärte. „Alles wird interessant, wenn darüber Witze gemacht werden“, meint der Künstler. Filmproduzent Bernd Eichinger mutierte bei ihm zum lustigen Waldschrat. Sammler internationaler Kunstclowns mögen solche Respektlosigkeiten, die von der bissigen Satire bis zur müden Provokation reichen und mitunter mehr über die Anpassung des Künstlers an den Markt verraten, als dass sie Ideen und Konzepte tragen. Gleichwohl leis­tet auch Diehl Basisarbeit: 2008 eröffnete er als erster Deutscher eine Filiale in Moskau, unterstützt von einem russischen Sammler. „In den letzten zwei, drei Jahren ist der Gedanke konkreter geworden, weil ich gesehen habe, dass sich die Kunstszene geöffnet und internationalisiert hat. Die Sammler, die bis vor Kurzem nur russische – auch zeitgenössische – Kunst kauften, haben angefangen, verstärkt international Interesse zu zeigen.“ Ob die Globalisierung nationale Vorlieben langfristig in die Schranken weist, steht auf einem anderen Blatt.

Den ganzen Artikel der tip-Autorin Andrea Hilgenstock lesen sie in der aktuellen Ausgabe 08/2009.

Galerie Bereznitsky Heidestraße 73, Tiergarten, Di-Sa 12-19 Uhr, www.bereznitsky-gallery.com
Galerie Volker Diehl Lindenstraße 35, Kreuzberg, Di-Sa 11-18 Uhr, www.galerievolkerdiehl.com
Hohenthal und Bergen Mommsenstraße 35, Charlottenburg, Di, Sa 11-14 Uhr, Mi-Fr 14-18 Uhr, www.hohenthalundbergen.com
Galerie Sandmann Linienstraße 139/140, Mitte, Di-Fr 14-19 Uhr, Sa 12-18 Uhr, www.artsandmann.de
Stolz Berlin Goethestraße 81, Charlottenburg, nur nach Vereinbarung Di-Fr 15-18 Uhr, Tel. 313 78 99, www.stolzberlin.com
TVDART (Tarasenko) Schlüterstraße 54, Charlottenburg, Di-Sa 13-19 Uhr, www.tvdart-galerie.de
Vinogradov Galerie Chodowieckistraße 25, Prenzlauer Berg, nach Vereinbarung Mi-Fr 14-20, Sa 11-15 Uhr, Tel. 86 43 04 10, www.eurusart.com

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