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Sabastiгo Salgado bei C|O Berlin

Sabastiгo Salgado bei C|O Berlin

Aufgetürmte, strahlend weiße Eismassen, vom Wind in regelmäßige Bahnen gepflügte Sanddünen, verästelte Flussarme – archaische Landschaften, von Menschenhand unberührte Orte der Erde. Das sind die Motive in Sebastiгo Salgados Fotoreihe „Genesis“, an der er neun Jahre gearbeitet hat und die nun erstmals in Deutschland in der C|O Galerie zu sehen sein wird.
Was bei einem flüchtigen Blick wie Postkarten­fotografie anmuten mag, erklärt sich, wenn man um den Hintergrund von Salgados Arbeit weiß: Der mittlerweile 70-jährige sozialdokumentarische Fotograf hat sich in der Vergangenheit immer wieder in extreme Situationen begeben und so zum Beispiel den Völkermord in Ruanda 1994 aus nächster Nähe miterlebt. Er habe nach diesen Langzeitprojekten den Glauben an die Menschen verloren, sagte Salgado in einem Interview und wandte sich fortan der Natur zu. In seiner Heimat Brasilien betreibt der studierte Ökonom auf der Farm seiner Familie ein Aufforstungsprogramm des Regenwaldes. ?Das „Genesis“-Projekt, in dem der Mensch weitestgehend aus seinen Motiven zurücktritt, ist so als Werk zu verstehen, das „vielleicht seine Seele heilt. Nachdem, was Salgado alles fotografiert hatte, kann man das genau so tun, wie er es tut“, sagt der Chefkurator von C|O Berlin, Felix Hoffmann, über die neuen Inhalte von Salgados Arbeit.
Dessen Reisen, in denen er Menschen am unteren Ende der Gesellschaft sehr nahekam, haben Bilder hervorgebracht, die vielleicht bekannter sind als sein eigener Name. So wie die Aufnahmen von brasilianischen Goldarbeitern aus dem Jahr 1986, die unter grausamen Arbeitsbedin­gungen schuften – Bilder, denen mancher die Ästhetisierung des gezeigten Elends vorwirft.
Auch Hoffmann sieht in der kommenden Ausstellung problematische Stellen. Allerdings nicht in der Ästhetik, die den kontrastreichen, scharf gestochenen Schwarz-Weiß-Bildern innewohnt, sondern vielmehr im Blick des Fotografen, der als westlich geprägter, weißer Mann sein Augenmerk auf das Fremde legt. Etwa wenn er junge nackte Frauen im Dschungel ablichtet, entsteht eine Blickrelation, die man auch in der Tradition des Kolonialismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert deuten kann. „Ich finde aber, dass das die Arbeit nicht schmälert“, so Hoffmann.
Ein kuratorischer Eingriff in die Ausstellung, die von Salgados Ehefrau Lйlia zusammengestellt wurde, war Hoffmann nicht möglich. Das ist keine Seltenheit bei Künstlern mit großen Namen. Daher setzt Hoffmann der „Genesis“-Ausstellung im Erdgeschoss mit „Distanz und Begehren: Begegnungen mit dem Afrikanischen Archiv“ im oberen Stockwerk eine kuratorische Fußnote entgegen, die der Problematik der kolonialistischen Blickrelation nachgeht: Wer fotografiert wen, wer ist das Objekt, wie hält die Kamera die Fremde fest und mit welcher Geste geschieht dies?

Sabastiгo Salgado bei C|O Berlin

In der Sammlung von Arthur Walther finden sich kleinformatige Cartes de visite, Porträts von Stammeshäuptlingen, Kriegern und Aufnahmen wilder Natur, die in Südafrika von 1870 bis ins frühe 20. Jahrhundert entstanden sind. Dazu kommen Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern wie Candice Breitz und Samuel Fosso, die diese Bildtradition aus heutiger Sicht untersuchen. Dass in diesem Jahr die für den europäischen Kolonialismus zentrale Afrika-Konferenz 130 Jahre zurückliegt, ist dabei ein weiteres Detail des kuratorischen Konzepts, das zwei Ausstellungen miteinander verbindet.
„Man kann Salgado in einem kunsthistorischen Duktus lesen. Dann ist das Afrikanische Archiv der Sammlung von Arthur Walther extrem wichtig, weil es darin um Blickrelationen geht. Oder man kann das „Genesis“-Projekt als ökopolitische Arbeit lesen, die den Menschen aufrütteln will, zu sehen, wie die Zerstörung der Welt voranschreitet, und dass unberührte Orte bewahrt werden sollten“, erklärt Hoffmann die Relation der beiden Ausstellungen.
Das Gesamtkonzept der Institution ist, so Hoffmann, „wie ein Strauß Blumen“. Dabei steht eine Ausstellung im Zentrum und wird durch Nebenprojekte ergänzt. So schafft es C|O wie kaum eine andere Galerie, ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und so das Genre der Fotografie in einzelne Aspekte zu unterteilen, die ein Gesamtbild ergeben.
Mit rund 110?000 Besuchern in den ersten fünf Monaten seit der Wiedereröffnung ist der Umzug ins Amerika Haus erfolgreich gelungen. Die Befürchtung Hoffmanns, das junge Publikum, das der Galerie im Postfuhramt treu war, könnte durch den Umzug in den Westen verloren gehen, hat sich nicht bewahrheitet. C|O hat nach wie vor die größte Facebook-Community aller Museen in Deutschland.
Mit den neuen Räumen in der Hardenbergstraße 19, die C|O für sein Educationprogramm nutzt, das künftig auch Workshops für Erwachsene anbieten will, mit der Nähe zur Newton-Stiftung und dem zugehörigen Museum für Fotografie ist ein erster Schritt zum gewünschten Campus für Fotografie getan. Aktuell wird die Möglichkeit einer gemeinsamen Präsenzbibliothek der beiden Institutionen für Fotografie diskutiert. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese realisieren lässt oder nicht. „Dann muss man sich wieder was Neues einfallen lassen“, so Hoffmann. Aber Einfälle hat C|O genügend. Momentan wird der Hinterhof des Amerika Hauses ausgebaut, um perspektivisch auch die Außenbereiche stärker nutzen zu können. Der Sommer kann also kommen.

Text: Lea-Maria Brinkschulte

Foto: Sebastiгo SALGADO / Amazonas images

C|O Berlin im Amerika Haus Hardenbergstraße 22-24, Charlottenburg, tägl. 11–20 Uhr, ab 18.4.

Lecture mit Sebastiгo Salgado:
Sa 18.4., Delphi Filmpalast, 15 Uhr, 15 Euro, Tickets unter: www.co-berlin.org

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