Ausstellungen

„Schwindel der Wirklichkeit“ in der Akademie der Künste

Wird das Bild des Menschen durch die Neuen ­Medien geschrumpft oder erweitern sie unsere Wahrnehmung? In Bruce Naumans „Live-Taped Video Korridor“ verkleinert sich das Abbild des Besuchers, je näher er dem Bildschirm kommt. Der Betrachter wird zum Teil des Werks. Er gleicht einem Performer, der die Kunst mitgestaltet. Und nicht nur die. Das klassische Objekt scheint auf dem Rückzug, die Ausstellungswelt im Umbruch.
Im Zeitalter digitaler Information und analoger Nutzer ist die Beziehung zwischen Mensch und Maschine, Virtualität und Körper eines der Schlüsselmotive der Kunst geworden. Dem spürt die Schau „Schwindel der Wirklichkeit“ nach. Welche Möglichkeiten der Intervention oder Partizipation nutzen Künstler und was bewirken sie? 39 Künstler und Künstlerkollektive von Marina Abramovic bis Thomas Wrede loten die Grenze zwischen Wirklichkeit und Simulation aus.
Seit den 60er-Jahren rückten die Film- und Fernseh-Techniken ins Kunst-Blickfeld und brachten die Wahrnehmung ins Wanken. Ein Teil der jüngeren Künstlergeneration bezieht nun die verschiedensten digitalen Anwendungen in den Arbeitsprozess ein – von Browser-Skript und App über Hard- und Software-Modifikation bis hin zu Computerspiel, virtueller Realität und Netzwerk-Interventionen. Ein anderer Teil hält es lieber mit dem Realen und tritt körperlich in Aktion, etwa in Performances, die heute wieder Hochkonjunktur haben.
Experimentell geht es beispielsweise im „Metabolischen Büro zur Reparatur von Wirklichkeit“ zu. Dort agieren und diskutieren Akademiemitglieder der unterschiedlichsten Bereiche während der gesamten Ausstellungsdauer. „Hierbei geraten wir immer wieder aus dem Gespräch heraus in neue, andere Aggregatzustände“, sagt „Büro“-Erfinder Manos Tsangaris. Der Komponist, Trommler und Installationskünstler leitet die ­Sektion Musik der Akademie der Künste. So wird man etwa „Störlesungen“ erleben und „Aktivitäten ohne bisher bekannte Bezeichnung“. Das weckt Erwartungen.

Welche Wirklichkeit wird hergestellt und sind wir auf sie angewiesen? Diese Frage stellt sich regelmäßig, wenn Ungewohntes auf uns einprallt. Vielleicht passt es dem einen oder anderen ja überhaupt nicht, in die choreografische „Live Art“ von Tino Sehgal einbezogen zu werden. Bei ihm wird jeder zur sozialen Plastik, die Ausstellung zur Bühne, auf der neue Erfahrungen zu machen sind. „Wir erwarten zu viel von Objekten, zum Beispiel, dass sie Subjektivität generieren“, meint der Künstler.  Als unsichtbarer Spielleiter zieht er die Fäden, an denen die „Zuschauer“ wie Puppen tanzen. Er erweitert die bildende Kunst durch ausgeklügelte Bewegungsszenarien. In seinen Augen entsteht besagte Subjektivität durch die Arbeit an sich selbst sowie Interaktion mit anderen und nicht dadurch, dass man einen Gegenstand kauft oder an die Wand hängt. Ein Austausch also, dessen spielerischen Charakter auch etliche Kollegen wie der in Berlin lebende Däne Christian Falsnaes praktizieren.
„Ich behaupte, dass Kunst transformatives Potenzial hat. Weil ich keine politische Agenda habe, interessiert mich die Bewegung an sich, die Utopie und das Spiel mit Ideen und Vorstellungen“, sagt Falsnaes. In seiner 5-Kanal-Audio-Installation „Justified Beliefs“ übermittelt er dem Publikum via Kopfhörer Anleitungen, im Ausstellungsraum zu agieren. Eine Form von Mitmachtheater, das willige Mitspieler fordert. In einer Welt, in der sich der Körper im virtuellen Raum verflüchtigt, gewinnt er real letztlich doch an Bedeutung.
Mitunter genügt schon der Blick in den Spiegel, um die Wahrnehmung zu irritieren. Bei Jeppe Hein oder Olafur Eliasson etwa ist dies der Fall. Neben Spiegelarbeiten und Partizipationsprojekten warten die Kuratoren Mark Butler, Anke Hervol und Wulf Herzogenrath auch mit Game Art, Fotografie und Film-Installationen auf. Spannend ist das Zusammenwirken der verschiedenen Akademie-Sektionen – worin sich nicht nur die Annäherung von bildender Kunst, Tanz und Theater abzeichnet.  
So lud der Schauspieler Ulrich Matthes Kollegen ein, vom Job zu erzählen. Sie berichten in Video-Gesprächen über den Moment des Spielens, den Schwindel, der entsteht, wenn man so tut, als ob man ein anderer wäre. Wie der Schauspieler Jens Harzer: „Natürlich gibt es die Wirklichkeit. Aber das Eigentliche an einer Szene ist ja nie das, was die Figuren sagen, sondern das, was sie meinen. Und wenn man das spielt, spielt man die Infragestellung der Wirklichkeit, das Nicht-einverstanden-Sein mit der Welt.“
Mit der wachsenden Nutzung der Computertechnologie sind die Spiegelbilder des Realen wie des Virtuellen vielfältiger geworden – bei marktunabhängigen Künstlern auch politischer. Wenn Franz Reimer ein Pressebild von Pete Souza nachbaut, so ist das Abbild noch lange nicht identisch mit dem, was in Echtzeit stattfand. Die Möglichkeiten zur Manipulation gibt es seit Beginn der Fotografie. Neu im digitalen Zeitalter ist der Zugang für alle.  
Der jüngst verstorbene Filmemacher Harun Farocki erkundet in seinen Videofilmen einen ganz speziellen Wirklichkeitsschwindel. Seine Videos kommunizieren mit Aufnahmen des investigativen Fotokünstlers Trevor Paglen. Beide bezeugen nicht Scheinwirklichkeiten, wie sie die Fotografie üblicherweise bereithält oder das Theater als Kunstraum, sondern Formen von Überwachung, Kriegsführung und Waffentechnik. Die „Visibility Machines“ bergen gesellschaftspolitische Sprengkraft, indem sie untersuchen, wie militärische Projekte unsere Beziehung zu Bildern beeinflussen.
Die Liaison zwischen Mensch und Maschine ist auch eine, die von der Macht der Verschleierung kündet. So schlägt die Ausbreitung von Wissen leicht ins Gegenteil um. Wir sehen und hören mehr, wissen aber immer weniger. Vielleicht ist dieser Eindruck rein subjektiv. Schließlich ist unsere eigene Wirklichkeit nur eine von vielen.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Zwillinge / Twins, documenta 6, 1977, Richard Kriesche, VG Bild-Kunst, Bonn 2014 und Molleindustria Paolo Pedercini / Aktionsbild

Schwindel der Wirklichkeit in der Akademie der Künste, ?Di–So 11–19 Uhr. Eröffnung Di 16.9., ?19 Uhr, bis 14.12., www.schwindelderwirklichkeit.de

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