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„Sechzig Jahre. Sechzig Werke – Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland“

Tiger - Gerhard RichterProfessor Peter Iden, einer der Sprecher der Kuratoren der Ausstellung, antwortete auf die Frage, ob er noch ruhig schlafen könne angesichts der Angreifbarkeit der Ausstellung, er könne sehr wohl ruhig schlafen. Schon formal ist nämlich die Art und Weise, die Kunst der Bundesrepublik auf 60 Jahre zu reduzieren, wobei jedes Kunstwerk mit jedem Künstler für ein bestimmtes Jahr steht, diskutabel. Denn schließlich möchte man als Ausstellungsmacher ernst genommen werden.

Das ist auch der Grund, dass die Kuratoren Götz Adriani, Robert Fleck, Siegfried Gohr, Peter Iden, Susanne Kleine, Ingrid Mössinger, Dieter Ronte, Frank Schmidt und Walter Schmerling die 60 Werke um ein paar erklärende Arbeiten ergänzt haben. Sie vertrauten offensichtlich nicht ihrer radikalen Entschei­dung, sechs Jahrzehnte durch jeweils zehn Werke zu veranschaulichen.
Man muss aber den Mut der Jury bewundern, sich auf ein solches Wagnis einzulassen, ungeachtet der sofort erhobenen Anwürfe, die guten, wichtigen aufrechten Künstler der DDR seien wieder einmal ausgesperrt worden. Darin liegt selbstverständlich ein Dilemma, das aber nichts mit Kunst, wohl aber mit Politik, Sensibilität und der Arroganz der Freiheit zu tun hat. Wenn man aber die Kunst der Bundesrepublik meint darstellen zu müssen, um der Freiheit der Kunst in diesem unserem Lande eine Lanze zu brechen, dann ist diese fragwürdige Übersicht genauso richtig, wie sie falsch ist. Richtig ist sie insofern, als dass sie auf unangreifbar wichtige Künstler setzt, an denen nichts auszusetzen ist.

Was soll man denn schon gegen die Herren Heldt, Baumeister, Hofer, Goller Goetz, Nay, Hartung, Schumacher, Uhlman und Piene schon sagen. Sie sind erstklassige Künstler, sie stehen für den Wie­der­an­fang, für das Nachholbedürf­nis der verlorenen Jahre des Nationalsozialismus. Das war die Zeit der Freiheit, auszuprobieren, sich abzuwenden von staatlichen Bevormundungen. Es war die Zeit, als ungegenständliche, abstrakte Arbeiten für Künstler wichtiger waren als realistisches Anschauungsmaterial eines zerstörten Europas. Wirklich überraschend an diesen Künstlern ist tatsächlich nur, wie modern sie sind, wie viel Einfluss sie bis heute ausüben. Man kann sich dort die Augen reiben, wenn man die Lichtobjekte von Otto Piene betrachtet, und sich wundert, warum Olafur Eliasson als Lichtkünstler gefeiert wird? Man kann hier auch gleich noch empfehlen, unbedingt in die Oudenarder Straße zur Ausstellung von Yves Oppenheim bei Max Hetzler zu gehen, weil der Vergleich dieses Malers mit den Arbeiten von Ernst Wilhelm Nay unübersehbar und erstaunlich ist. Allein ein Einwand wäre gegen die zehn Herren zu erheben. Was sind Männer schon ohne Frauen? Gewiss, Künstlerinnen waren in der Unterzahl, aber es wäre doch ein Signal gewesen, auch in den 50er Jahren an eine Malerin wie Hannah Höch zu erinnern, die auch für das innere Exilantentum steht.

Auch die 60er Jahre kommen mit den Herren Hoehme, Kricke, Uecker, Geiger, Palermo, Richter, Baselitz, Polke, Knoebel und Lüpertz ohne weibliche Inspiration daher. Sie stehen für sich in all ihrer Erhabenheit, ihrer wiedergewonnenen Souveränität. Sie stehen auf der Seite des Wirtschaftswunders, sie schlagen sich auf die Brust und beginnen sich als Provinzfürs­ten zu gerieren. Sie nageln sich wie Günther Uecker die Welt zurecht oder glauben, die Welt am besten darzustellen, wenn sie sie wie Gerhard Richter in relativer Unschärfe präsentieren.
In den 70er Jahren taucht tatsächlich zum ersten Mal eine Frau auf in der Welt der deutschen Kunst, so wie die Kuratoren sie gesehen haben. Es wäre dabei unfair, sie als Frau an seiner Seite zu sehen, aber das Künstlerpaar Bernd und Hilla Becher ist umgeben von Schultze, Ruthenbeck, Antes, Immendorff, Kiefer, Kla­pheck, Beuys, Walther und Penk. Sie repräsentieren zweifellos die Periode, in der die Kunst die politischsten Züge trug. Angeführt von dem großen niederrheinischen Zweifler Josef Beuys, der
alle Menschen fatalerweise zu Künstlern machte, plagt man sich in dieser Zeit mit den Universen von Anselm Kiefer und Jörg Immendorff, die beide auf ihre Weise den deutschen Hang zur Selbstverdammnis repräsentieren. Jetzt weiß man endlich, die Welt ist sehr, sehr schlecht, die deutsche Welt noch ein Stückchen schlechter, und nur die Kunst kann sie retten oder doch wenigstens ein klein wenig erträglicher machen. Denn der Künstler zeigt, dass wir an der Verbesserung der Welt dringend arbeiten müssen. So weit, so gut, so abgehangen museal.

Mit Ironie, ohne Unschuld“ haben die Ausstellungsmacher das Kapitel der 80er Jahre überschrieben. Was sicher nichts damit zu tun hat, dass jetzt Hanne Darboven, Rosemarie Trockel und Anna Blume (mit Bernhard Blume) sich auseinandersetzen müssen mit Struth, Dahn, Dokoupil, Graubner, Herold, Förg, Ruff und Kippenberger. Der Letztere ist einer der Unvermeidlichen, aber es ist schon sehr schwierig, die Plausibilität der Auswahl zu akzeptieren. Irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass die Jury die Garde der Heftigen Wilden in die Tonne treten wollte.
Flash - Daniel Richter
Wieso kein Fetting, Salomй oder gar Frau Bach dem Richterspruch Genüge tun konnten, bleibt ein Geheimnis, das nicht zu lösen sein wird. Aber man soll ja nicht rummäkeln und beleidigt sein. Doch wird es immer spannender, je näher wir uns der Gegenwart nähern und wissen wollen, was die Damen und Herren für die 90er Jahre auf den Schild gehoben haben. Isa Genzken und Rebecca Horn treten an gegen Öhlen, Nicolai, Mattheuer, Althoff, Schütte, Balkenhol, Gursky und Havekost. Das ist schon einigermaßen langweilig bis uninspiriert, was bei der Wahl ohne Qual herausgekommen ist. Da werden die Galeristen schwer zufrieden sein, die ihre Künstler dort vertreten sehen, und ein Gläs­chen nehmen gegen die Krise und für die kommenden Geschäfte.
Spannend wäre sicher eine andere Auswahl gewesen. Aber es steht auf einem anderen Blatt, was einzelne Künstler in diesem Jahrzehnt wirklich weitergebracht haben. Wenn man die Liste der zehn Künstler liest, die im 21. Jahrhundert stellvertretend für viele andere Gegenwartskünstler für das ers­te Jahrzehnt stehen, erweist sich die Wahl völlig beliebig, was wie­derum kaum etwas gegen die einzelnen Künstler sagt. Vielleicht würde Jogi Löw sagen, sie hätten sich selbst aufgestellt, aber das ist sicher nur die halbe Wahrheit. Tillmans, Odenbach, Richter, Rauch, Metzel, Meese, Rehberger werden ergänzt durch Candida Höfer, Corinna Wasmuht und Chris­tiane Baumgartner. Die Veranstalter gestehen ein, dass diese Wahl der Qual ein Ding der Unmöglichkeit ist, und weisen darauf hin, dass man nach dem Rundgang durch den Gropius-Bau schnell durch den Ausgang in die Wirklichkeit der Galerien schreiten kann, wo der Kampf um Aufmerksamkeit tobt.

Dieser Ritt durch die Vergangenheit der Bundesrepublik ist eine Herausforderung. Für den Gang durch die Kunstgeschichte sollte man sich unbedingt einen Führer nehmen. Der beste seiner Art steht jeden Tag um 15 Uhr zur Verfügung. Dann startet nämlich Bazon Brock seine Besucherschule, mit der er auch schon auf der Documenta in Kassel für Furore gesorgt hat.
Brock sagt: „Wieso glaubt man in wenigen Minuten Blickkontakt, in einer einzigen Theateraufführung und beim bemühtesten, aber nur stundenweisen Lesen vielschichtigster Texte den Anforderungen der Werke gewachsen sein zu können? Wo lernen wir als Pub­likum, dem Komponistenwerk, der Skulptur oder Malerei, dem Epos gerecht zu werden? Längst ist es an der Zeit, das Publikum genauso zu professionalisieren, wie wir das bisher an den Kunsthochschulen aller Sparten den Künstlern abverlangten! Wo Künstler Lehrjahre, Dip­lome und Staatsexamen ablegen, haben die Zuschauer, die Zuhörer, die Betrachter ihrer Werke wohl ähnliche Fähigkeiten auszubilden. Wo lernt man, Diplom-Rezipient zu werden?“
In diesem Sinne ist die Aus­stel­lung eine Lehrstunde der Kunstfreiheit, und allein deshalb ist sie unbedingt sehenswert.

Text: Qpferdach

Fotos: Gerhard Richter (oben), Jochen Littkemann (unten)

Sechzig Jahre. Sechzig Werke – Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland, Martin-Gropius-Bau, tgl. 10-20 Uhr, 1.5.-14.6.2009

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