Ausstellungen

„Sehen und Leben – Gertrude Sandmann“ im Haus am Kleistpark

GeSa„Sonne im Korridor“ heißt ein Bild aus den frühen Nachkriegsjahren (von 1948): Etwas Licht fällt durch eine geöffnete Tür, warm ist das Gelb der Wand dahinter, und durch alle Farben scheint der dunkle Grund des Papiers wie das Holz der Dielen. In solch einem reduzierten Ausschnitt von Welt dennoch das Glück eines Augenblicks festhalten zu können, ist das besondere Vermögen der Malerin. Ein anderes Bild von 1949 heißt „Gespenst“, etwas Helles flackert im Dunkeln des Flures, es könnte derselbe Ort sein, nichts ist genau zu erkennen, aber Angst und Bedrückung zu spüren. In dieser Zeit lebte Gertrude Sandmann in Berlin-Schöneberg und die Erfahrung, eingeschränkt zu sein im Raum, in den sozialen Kontakten, in allen Entfaltungsmöglichkeiten, hatte ihr Leben lange bestimmt. Sie war 1893 geboren, Tochter einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie. Sie erfuhr alle Einschränkungen des jüdischen Lebens in Berlin und überlebte die Verfolgung in Verstecken bei Freunden. Im Haus am Kleistpark sind jetzt 80 ihrer Zeichnungen ausgestellt und Auszüge aus ihren Tagebüchern zu lesen. „Ich habe aber schon vorher gelernt, allein sein zu können, still sein zu können, geduldig zu sein, mich nicht zu bemitleiden“, schrieb sie in der Zeit, als ihr Leben auf wenige Quadratmeter beschränkt war. Den Zwang, mit wenigem auskommen zu müssen, verwandelt sie in ihren Werken in eine Ästhetik der Konzentration und Zurückhaltung. Sie sucht die Schönheit im Kargen und findet sie in den angefressenen Mauern der kriegszerstörten Stadt, in zwei Eierschalen auf einem Brett, im dürren Wald der Fernsehantennen auf den Dächern oder im Licht zweier Fenster in einer dunklen Straße.

Text: Katrin Bettina Müller

Foto: Eva Rülf-Kollwitz / Nachlass Gertrude Sandmann

tip-Bewertung: Sehenswert

Sehen und Leben – Gertrude Sandmann Haus am Kleistpark, Grunewaldstraße 6–7, Schöneberg, Di–So 10–19 Uhr, bis 3.4.
Podiumsgespräch am Mi 9. März um 19 Uhr

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