Installationen

Stacheldrahtwolke

Die in Berlin lebende Künstlerin Qin Yufen lädt Räume mit metaphorischer Bedeutung auf. In der Schwartzschen Villa zeigt sie ihre neuesten Werke.

Foto: Qin Yufen

Die Installation der großen Stacheldraht­wolke im Hamburger Bahnhof muss eine Herausforderung gewesen sein. Lange blickt man auf das ephemere und doch so wehrhafte Gebilde im Beuys-Flügel, das dort von der Decke hängt. Es besteht aus schier unendlich viel Draht. Ziemlich schwer, was so luftig-leichtfüßig wirkt. Aber das merkt der Besucher nicht, höchstens im übertragenen Sinne. Er kann sehen, hören und assoziieren, was Qin Yufen ihm mit auf den Weg geben will: Schönheit, die gefährdet ist.
Die in Berlin lebende Chinesin spricht mit ihren haptischen Arbeiten alle Sinne an. Das allein ist schon etwas Besonderes. Mittels eines nach Kräutern duftenden Vorhanges samt 6-Kanal-Soundinstallation wie für „Making Paradise“ im Hamburger Bahnhof entwickelt sie aus starken Kontrasten der Materialien – Seide, Bambus, Stacheldraht – metaphorische Räume. Man fühlt sich latent bedroht von dieser Welt und darf doch „nicht wegschauen, muss sich auseinandersetzen“. Die Künstlerin meint damit in erster Linie die Realität, deren Konfliktpotential zugenommen habe. Gesellschaftspolitische Veränderungen wie Ressentiments gegen Ausländer oder gewalttätige Auseinandersetzungen beunruhigen sie. „Wir können nicht immer mit Gewalt auf Gewalt reagieren.“ Probleme müssten früher erkannt und an der Wurzel gepackt werden.

In der Schwartzschen Villa in Steglitz zeigt Quin Yufen jetzt ihre neuesten, teils raumfüllenden Werke. Seide, mit Stacheldraht besetzt, verdeckt anstelle eines Vorhanges die Fensterfront im ersten Stock. Viele Stunden hat sie daran genäht – und dass ihre Arbeit ein ständiger Prozess in Entwicklung ist, davon zeugen Schere, Stift und Nähgarn am Boden. Nichts ist ganz fertig, alles setzt sich fort, im Leben wie in ihrer Kunst.
Mit Wäscheständern zum Beispiel arbeitet sie seit 1990. An einem solchen Objekt haften kleine Wesen aus Stacheldraht. Es könnten Libellen sein. „Etwas zu lesen“, kommentiert Qin Yufen ihre narrative Komposition, die wie eine Partitur anmutet. Ihre Ausstellungsinszenierung nennt sie „Leben“. „Die Arbeiten spiegeln verschiedene Seiten, privat und gesellschaftlich – Geschichte ebenso wie eigene Erfahrung, Ratlosigkeit, Ängste“, erklärt sie, die mit Kalligraphie aufwuchs, sich dieser aber verweigerte.

Seit Qin Yufen 1986 aus Beijing nach Deutschland kam und als Stipendiatin im Künstlerhaus Bethanien sowie beim DAAD in West-Berlin Fuß fasste, hat sie ihr komplexes Schaffen vielerorts vorgestellt, im Sprengelmuseum Hannover, der Kunsthalle Bremen oder dem Today Art Museum Beijing. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 konnte sie zunächst nicht in ihre Heimat zurück. Inzwischen lebt sie auch dort.
In Berlin fühlt sie sich aber nach wie vor wohl. Ihre Werke entstehen sowohl zuhause in Tiergarten als auch im Atelier und an den Ausstellungsorten, von denen sie sich inspirieren lässt. Dass sie auch malt, erzählt sie eher beiläufig. Ihre zweidimensionale Kunst wurde hierzulande bislang noch nicht gezeigt. Dafür Klang-Installationen, etwa in der Parochialkirche.Aber diesmal herrscht Stille. In den Räumen der Schwartzschen Villa erscheinen visuelle Aspekte wichtiger. Der Stacheldraht, den sie erstmals vor etwa 30 Jahren in Berlin erlebte und den sie seit 2001 in ihrer Kunst einsetzt, bleibt stumm. Aber irgendwie hört man den Schmerz, den er verursachen kann. „Wir alle wissen, Utopien werden nicht wahr“, kommentiert sie im Blick auf „Making Paradise“. Trotzdem möchte man daran glauben, dass das Böse überwunden wird: „Ich behalte die Hoffnung.“

 

Leben, Qin Yufen, Schwartzsche Villa (am Rathaus Steglitz), Grunewaldstr 55, Mo-So von 10-18 Uhr, bis 26.8., Eintritt frei

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