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Seth Pick bei Gerhardsen Gerner

Seth Pick bei Gerhardsen Gerner

Es gab da diesen Tag, als für Seth Pick der Sternenhimmel zusammenbrach. Als er erfuhr, dass die NASA mogelt. Dass all diese leuchtenden Sternen-Bilder nachkoloriert sind. Dass der schöne grüne Nebel aus Farben besteht, die wir gar nicht sehen könnten.
Man muss wissen, dass Seth Pick ein großer Fan von Science-Fiction-Literatur ist. J. G. Ballard ist sein Fixpunkt. Wer dies im Hinterkopf hat, wird sich ob der violetten Ölfarben auf dunkel grundierter Leinwand in Seth Picks aktuellem Werk „Acquisition of false memory in virtual reality“ nicht bloß an den Bildschirmhintergrund eines Apple-Rechners erinnert fühlen. Er wird spüren: Es geht in der Ausstellung „Humiliations“ darum, wie das Digitale den Blick verfärbt.
Vor einem Jahr, bei Picks 
Solo-Ausstellung „Biophilia“, ebenfalls in der Galerie Gerhardsen Gerner, sahen wir junge Männer beim Wichsen am und im See. Hypergroße Schmetterlinge, Libellen. Und immer: das Wasser. Die Öl-Farben verdünnte Pick damals so stark, dass es sich fast nach Aquarell anfühlte. Kitschig war das alles nie, es glimmerten stets Abgründe durch die Oberfläche des Wassers.
Trotzdem beschloss Pick, Jahrgang 1985, der am Londoner Goldsmith College und an der Frankfurter Städelschule Malerei studierte: So soll es nicht weiter gehen. Mehr statt Meer. Man hätte es sich denken können, schon das letzte Bild der letzten Schau, es hieß „Virus“, ähnelt dem „The Cloud of Unknowing“ aus der aktuellen Ausstellung. Magisch leuchtendes Blau vor schwarzem Hintergrund. Man könnte meinen, es sei mit Schwämmen aufgetragen, doch Seth Pick schafft all das mit Pinseln.
Thematisch geht es, obwohl Pick jetzt kein Junggeselle mehr ist, um Tinder und Grindr, die Sex-Dating-Apps fürs Smartphone. Wie leicht man da Fotos, eigentlich aber gleich ganze Menschen wegwischt, die einen nicht in einer Mikrosekunde vom Hocker hauen. Es ist diese Geste der swipenden Hand, die Pick in „Will what you create and create what you will“ beleuchtet. Und auch in „The Mocking of Christ“.
Pick geht es um Entfremdung im Digitalen, aber er nimmt dabei Bezug auf Großmeister der Kunstgeschichte, hier ganz konkret auf Fra Angelico aus der Frührenaissance, den Schutzpatron christlicher Künstler. Auf Fra Angelicos Bildnis, das Pick im Sinn hat, wird Jesus von einem freischwebenden Kopf bespuckt. Eine der ebenfalls freischwebenden Hände wiederum macht eine Bewegung, die Pick gewitzt als Mausklickgeste umdeutet.

Seth Pick bei Gerhardsen Gerner

Im Netz selbst hat Pick wiederum das Rembdrandts Gemälde „Lesende alte Frau“ erklickt, das wahrscheinlich die Prophetin Anna zeigt, von einem Buch frontal erleuchtet. Im Rijksmuseum Amsterdam, wo das Original hängt, ist Pick nach eigenem Bekunden nie gewesen. Aber die digitale Kopie hat ihn doch zu bestimmt zwanzig Versionen der melancholischen Dame inspiriert. Die meisten davon zeigt er uns aber nicht. „Eines davon sah aus wie ein katastrophal schlechter Rembrandt“, kokettiert er. Aber drei Varianten haben es dann doch in die Ausstellung geschafft, alle mit Blick ins Ungewisse. Und doch wird das Gesicht der Frau erleuchtet. Anders als beim Original ist hier wohl kein Buch die Lichtquelle.  Aber man darf sich da einen Rechner vorstellen, außerhalb des Abgebildeten. Man darf sich denken, dass sie skypt.   


Text:
Stefan Hochgesand

Foto: Harry Schnittger

Gerhardsen Gerner Holzmarktstr. 15–18, Mitte, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 14.11.

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