Ausstellungen

„Ship of Fools“ bei Tanz im August 2012

Ship_of_FoolsAuf dem mittelalterlichen „Narrenschiff“ von Sebastian Brant segeln über 100 Narren und halten mit ihrem absurden Verhalten der Welt einen unterhaltsamen Spiegel vor. In „Ship of Fools“ von Oren Laor und Niv Sheinfeld sind es nur drei Personen, die dem Zuschauer eines der schlimmsten aller Laster vorführen: die zufällige, gleichgültige, zwischenmenschliche Grausamkeit.
Ganz unterschiedliche Typen sind sie, fast Kontraste: der schlaksige, feingliedrige Uri Shafir, die durchtrainierte Anat Grigorio mit ihrem kräftigen Körper, strammen Waden und martialischen Tätowierungen. Dazu Sasha Engel, Typ harte Schale, weicher Kern. Jeder von ihnen hat am hinteren Bühnenrand sein Plätzchen, seine eigene, abgezirkelte Welt. Der Anfang des Stücks lässt dem Zuschauer genug Zeit, die drei kennenzulernen: Jeder tanzt, probiert und bewegt sich allein, markiert seine Körperlichkeit und sein Territorium. Finden sie sich im Rahmen einer losen Szenenfolge immer wieder in verschiedenen Kontexten zusammen, geht esstets ein bisschen fies zu. Die Tänzerin möchte Hilfe beim Tanztraining und kommandiert dabei ihre beiden hilfsbereiten Kollegen ausgiebig herum. Im Gegenzug gibt Uri Shafir ständig schroffe Anweisungen, wie die Kollegen seine Grabrede zu halten und anständig zu trauern hätten. Doch geht es schnell über solch lustigen Harmlosigkeiten hinaus.
Aus einem gemeinsamen Tänzchen zu dritt zu Michael Jacksons „Billy Jean“ entwickelt sich – ganz unbemerkt, fast zufällig – noch viel Unangenehmeres: eben noch hat der zarte Uri seine kräftige Freundin beim Posieren zur Musik fotografiert, da schnappen sich die beiden den dritten und forcieren ihn mit sanfter Gewalt in Positionen, die er eigentlich gar nicht einnehmen will. Und urplötzlich sind diese drei mitten in der Realität ihres Herkunftslandes: bei jenem Foto, das in Israel vor Jahren große Empörung ausgelöst hat, weil darauf eine lachende israelische Soldatin zusammen mit einem palästinensischen Gefangenen zu sehen ist, dem die Augen verbunden sind.

Bei den Aufführungen in Israel hat „Ship of Fools“ extreme Reaktionen hervorgerufen: Zuschauer haben mit Tränen in den Augen die Vorstellung verlassen, Ex-Soldaten fühlten sich an ihre Armee-Zeit erinnert. Doch all diese kleinen und großen Demütigungen, die gar nicht so gemeint sind, die vielen zufälligen Entgleisungen und kleinen Grausamkeiten des Alltags, über die schon lange nicht mehr nachgedacht wird oder noch nie nachgedacht wurde, dienen nicht nur als Spiegel, sondern als Vergrößerungsglas für das destruktive Potenzial in jedem von uns. 

Text: Elisabeth Nehring
Foto: Gadi Dagon


Ship of Fools

im Podewil,
18.8., 20 Uhr, 19.8., 19 Uhr,
Karten-Tel. 247 49-880

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