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Skulpturen von Iris Kettner im Haus am Lützowplatz

Skulpturen von Iris Kettner im Haus am Lützowplatz

Sie bleibt unnachgiebig. Iris Kettner möchte ihr Konterfei nicht fotografiert sehen. Sie identifiziert sich lieber mit ihren „Dummies“. Die haben keine Gesichter. „Da bin ja ich drin“, sagt sie, auf einen schwarzen Ganzkörperanzug deutend, „ich bin die Skulptur und blicke raus.“ Die große, blonde Frau nimmt das Kostüm, schlüpft hi­nein und wird unsichtbar. In der Rolle des „No Name“ kann sie andere beobachten, ohne selbst erkannt zu werden.
Sie hat das schon öfter praktiziert, auch außerhalb des Ausstellungsraumes. Etwa in Köln. Da stürzte sie sich im Gewand ihres „No Name“ ins Karnevalsgetümmel und sammelte Pfandflaschen. Fremde Blicke prallten an ihrem Schlaufenpanzer ab. Derart maskiert im Anzug aus Stoffresten, den sie aus abgelegter Kleidung häkelt, verhüllt sie ihre Identität und exponiert sich dennoch als Außenseiterin.
Ihre Aktion erzählt einiges über Künstler-Performer im Allgemeinen und Iris Kettner im Besonderen. Eigentlich wirkt sie gar nicht kompliziert, sondern direkt und natürlich. Freimütiger als viele ihrer Kollegen, denen es ähnlich ergeht, berichtet die Bildhauerin, dass Jobben dazugehört, um das Künstlerdasein zu finanzieren.
Gleichzeitig scheut sie die Kamera. Sie glaubt, ihre Chancen würden sinken. Dabei zeigen ihre Werke wie die Jugend-„Gang # 2“: Die Frau hat Ideen und kann sie handwerklich umsetzen. Ihre Solo-Schau im Haus am Lützowplatz bestätigt den Eindruck. Dort lässt sich der Brückenschlag zwischen Kunst und Leben vertiefen, den sie anpeilt. „Durchschnitts­typen an der Bushaltestelle, Menschen, die sonst nicht sichtbar sind, interessieren mich.“
Ihre Umgebung in Friedrichshain nimmt die 46-Jährige, die an der Burg Giebichenstein in Halle studiert hat, sehr genau wahr. Ebenso den Alltag andernorts. So hat sie beobachtet, dass es „keine Farben mehr auf der Straße“ gibt. Die Leute tragen bevorzugt Schwarz. Deshalb bestehe auch ihre „No Name“-Skulptur aus dunklen Textilien.
In einer Kammer postiert die Künstlerin, deren Werke in etlichen Privatsammlungen vertreten sind, ihre „Wandfigur“. Knapp unter der Decke, wie auf einer Kanzel, scheint sie zum Sprung bereit. Eine Reiki-Meisterin hat sie mit Energie aufgeladen. „Die Aura ist das Entscheidende, verborgene Werte, die transportiert werden.“
Das Unsichtbare zu visualisieren, ist eine Herausforderung, der sie sich mit Erfolg stellt. Vor einem Tisch im zentralen Ausstellungs­saal hält Iris Kettner inne. Ein monströses „Geschwür“ aus Fahrrad­schläuchen räkelt sich dort. Jeder kenne doch dieses unbestimmte Gefühl, dass etwas Unausgesprochenes in der Luft liege, während die Familie beim Essen sitze. Man trage etwas mit sich herum, spreche aber nicht darüber. Ein Bild, das so schwer formbar wie fassbar erscheint. Sie meistert auch dies. Ihre bedrohlich wuchernden Wesen, die sie auf dem Esstisch platziert, geben dem Namenlosen Gestalt.

Text:
Andrea Hilgenstock

Foto:
Harry Schnitger

Haus am Lützowplatz, ?Di–So 11–18 Uhr, bis 2.11.

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