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„So Abstrakt!“ im Projektraum The Wand

Oliver_Godow_KDWI_Berlin_2012_c_CourtesyOliverGodow„Akademischer Dienst Berlin“ steht auf einem kleinen Schild an der Tür. Sie führt ins Souterrain. Sollte es hier im Untergrund etwa akade­misch zugehen? Kaum vorstellbar! In dem leuchtend orangefarbigen Gebäude in Alt-Moabit befindet sich ein Projektraum. Die amerikanische Künstlerin Melissa Steckbauer gründete ihn 2012 und nannte ihn „The Wand“, die überzeugendste der möglichen Übersetzungen ist „der Zauberstab“. Ein Ort für kreative Experimente, ungehobelter, als das Minischild am Eingang vermuten lässt.

Gerade bespielen Christine Nippe und Sebastian Schemann die unsanierten, feucht müffelnden Zimmer. Geschickt nutzen die beiden Kuratoren das Underground-Ambiente für ihre Auswahl bekannter sowie überwiegend noch zu entdeckender abstrakter Künstler. In sechs Räumen treten die Bilder mal mit der korrespondierenden Handschrift gegenüber, mal mit dem rauen Charme der Umgebung in einen Dialog.

Von Interesse: Erschwingliche Kunst – Editionen machen die Werke großer Künstler erschwinglich.  

Fruchtbar ist dieser im Falle von Ronald de Bloemes packender Lack-Malerei und Oliver Godows malerischen Fotografien, die wie fein komponierte, abstrakte Stillleben wirken. Es sind Hinterlassenschaften im Stadtraum, die der Fotograf erspäht. Etwa eine provisorisch geklebte Pflaster-Stelle, auf die noch jemand das Wörtchen „Achtung“ geschrieben hat. „Achtung, Berlin“ wird daraus, ein Flickwerk wie ein strahlender Stern. Passt zum Beat der Stadt!

Auch die Gegenüberstellung im Hauptraum macht etwas her. Die Brasilianerin Isabelle Borges malt Formen, die sie Origamifaltungen oder mathematischen Raummodellen entlehnt. Ihre zweiteilige Arbeit „Hologramm“ in kräftigem Gelb und Grau zieht den Blick magisch auf sich. Im Kontrast dazu steht die eher unscheinbare Bildstörung, die der Koreaner Wonkun Jun in vielen Schichten akribisch zu einer Art visuellem Rauschen arrangiert hat.

Zu einer Geschichte formen sich Franziska Holsteins Papiercollagen. Erzählen muss sie sich jeder Betrachter selbst – wie überhaupt die abstrakte Kunst den phantasiebegabten Betrachter mehr fordert als die figurative. Vor rund 100 Jahren geboren, ist sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Stunde Null nicht mehr wegzudenken aus dem künstlerischen Repertoire. Die Kuratoren finden, dass sie zum Alltag gehört, und dies nicht nur als Dekoration.

Oliver_Godow_ACHTUNG_Berlin_2012_c_CourtesyOliverGodowIn jüngster Zeit ist wieder eine Zunahme der ernsthaften Beschäfti­gung mit abstrakter Kunst zu beobachten. War sie früher Ausdruck der Suche nach einer anderen Wirklichkeit, so scheint die Vorliebe fürs Formale, für Strukturen und Farbspiel inzwischen Teil der Realität geworden. In Architektur, Grafikdesign, Werbung, überall haben abstrakte Formen Eingang gefunden, wird abgezirkelt oder Kunstgeschichte zitiert. Natürlich auch in der Schau „So abstrakt!“

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Die 35-jährige Mirja Busch etwa pflanzt ein „Rotes Quadrat, gelbes Rechteck, schwarzes Rechteck, blaues Dreieck in drei Dimensionen.“ Fotografiert hat sie die Objekte in weißer Schneelandschaft. Kasimir Malewitsch und Blinky Palermo lassen grüssen. Man könnte auch sagen, sie legt die Klassiker auf Eis. Schnee von gestern sind sie aber nicht. Welche Rolle also spielt die Abstraktion heute: Immer noch Avantgarde, Nachahmerei oder hat sie sich emanzipiert?

Die acht vorgestellten Künstler bieten widersprüchliche Zugänge zur ungegenständlichen Kunst und damit auch verschiedene Antworten. Mag der eine, Ulrich Hakel, die Vergangenheit ironisieren, geometrische Strenge aufbrechen zum unorthodoxen „Bubblegum“, nähert sich die andere, Clara Brörmann, mit Pinsel und Klebeband einer ephemeren Wirklichkeit. Die ist ganz klassisch und doch sehr zeitgemäß.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Courtesy Oliver Godow

So abstrakt! The Wand, Paulstraße 34, Tiergarten, Sa 14–18 Uhr und nach Vereinbarung unter: [email protected], bis 17. 11., Finissage 16–20 Uhr 

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