Ausstellungen

„Sounds. Radio – Kunst – Neue Musik“ im Neuen Berliner Kunstverein

Ursula_BlockDas Radio, unendliche Weiten. Dank des Erfindungsreichtums von wissenschaftlichen Pionieren wie Nikola Tesla, Guglielmo Marconi, Heinrich Hertz oder Alexander Graham Bell lassen sich seit etwa 100 Jahren Schallwellen in elektromagnetische Signale verwandeln und in den Äther schi­cken, und jeder, der ein Empfangsgerät besitzt, kann sie hören, die Stimmen, Informationen und die Musik aus dem Nichts. Im Okto­ber 1923 begann in Deutschland mit einer Unterhaltungssendung ein reguläres Radioprogramm. Das erste elektronische Massenmedium glich in seiner Anfangszeit einer magischen Offenbarung, doch es stand nicht nur für eine technische Revolution. Als Vorläufer des Fernsehens manifestierte es sich als gesellschaftliche Maschine, und so markierte der Triumph des Radios schon sehr bald auch den Beginn der modernen Medienkunst.

Bertolt Brecht erkannte als einer der ersten das enorme gesellschaftliche Potenzial, in seinem Rundfunkexperiment forderte er: „Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln“ und formulierte eine Radiotheorie. Doch nicht nur Brecht lotete die künstlerischen Möglichkeiten des neuen Mediums aus. Die Radiokunst erlebte in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren eine kurze Blütezeit. Bis zur Macht­ergreifung der Nazis erforschten Künstler, Musiker, Filmemacher und Schriftsteller wie Walter Ruttmann, Friedrich Wolf, Paul Hindemith, Hermann Kasack und Walter Bauer in experimentellen Features, Hörspielen und Klangcollagen das körperlose Spektrum des Klangraums.

An diesem historischen Moment setzt die von einem vierköpfigen Team um den Leiter des Neuen Berliner Kunstvereins Marius Babias und die Kuratorin Katrin Klingan konzipierte Ausstellung „Sounds. Radio – Kunst – Neue Musik“ an. Man wollte im Zuge der Renaissance des Hörens, die der enorme Erfolg der Hörbücher in den letzten Jahren eingeläutet hat, eine Ausstellung fürs Ohr realisieren. Die Idee dazu entwickelte sich aus dem deutsch-tschechischen Radiokunstprojekt „rбdio d-cz„, an dem Klingan mitgewirkt hat. Dort entstanden während der letzten drei Jahre fünf Auftragswerke, die die fünf Dimensionen, in denen Radiokunst stattfindet, thematisieren: „Die geschmeidige Mobilität, mit der das Radio geographische Distanzen aufhebt, sein vexierbildhaftes Spiel mit den Grenzen von öffentlichem und privatem Raum, seine Kunstfertigkeit, mit Originaltönen fiktive Räume zu schaffen, seine Fähigkeiten, für die komplexen Geräuschtexturen des Alltags zu sensibilisieren und sein ureigenes Paradox, in einem „körperlosen“ Medium die Physis der Stimme herzustellen“.

Diese fünf Kernstücke, in denen deutsche und tschechische Autoren von Gartenzäunen, die immer höher werden, idealen Industriestädten, der Rei­se in einer futuristischen Limousine oder einer fiktiven Wirklichkeit im postsozialistischen Theresienstadt berichten, bilden den Ausgangspunkt der Ausstellung. Sie stehen für die Erfahrungen, die in der Vergangenheit mit den Möglichkeiten des Radios gemacht wurden. Um jedes Kernstück wurden Referenzwerke arrangiert, die die jeweiligen Themen und Herangehensweisen formell oder ästhetisch aufnehmen und erweitern. In einem Archivteil lassen sich des Weiteren etwa 100 weitere Arbeiten aus den Archiven der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nachhören, die auf 80 Jahre Radiokunst blicken. Historische Werke von Walter Ben­jamin, Alfred Döblin, Samuel Beckett und Kurt Weill sind genauso dabei wie neuere Arbeiten von Christoph Schlingensief, Felix Kubin, Thomas Meinecke und Schorsch Kamerun.

Zudem zieht Ursula Block mit Gelbe Musik, ihrem legendären Plattenladen, für die Zeit der Ausstellung in die Räumlichkeiten. Sie kann Stücke vorführen, dient als enorme Wissensquelle, und man kann, was nicht ganz unerheblich ist, bei ihr einiges von dem Gehörten auch auf CD oder Schallplatte kaufen. „Mich hat als Leiter einer Institution, in der man normalerweise visuell arbeitet, interessiert, etwas fürs Ohr zu tun. Das Ohr ist ja rein physiologisch das sensibelste Organ, es wird nicht einmal nachts abgeschaltet“, erklärt Babias. Zentral ist für ihn der künstlerische und ästhetische Aspekt des Radios. Werke, in denen sich unterschiedlichste Klangspuren überlagern, die im Studio zu einem Format des Künstlers komponiert werden, mit den Mitteln des Radios und für das Radio, so definierte be­reits der 2008 in Köln verstorbene argentinisch-deutsche Kom­­ponist und Produzent von Filmen und Hörspielen Mauricio Kagel die Radiokunst.

Doch wie präsentiert man eine Ausstellung, die einzig Töne zum Inhalt hat? „Die fünf Kernstücke, die die Genres der Radiokunst markieren, bilden Hörinseln im Raum. Es gibt Sitzmöglichkeiten und Kopfhörer, so dass man die Werke, die jeweils etwa eine Stunde dauern, in Ruhe hören kann. Rundherum sind die Referenzarbeiten angeordnet. Sobald man eine Markierung auf dem Boden betritt, löst ein Bewegungsmelder einen an der Decke befestigtem Lautsprecher aus und das jeweilige Stück wird angespielt, vollständig kann man es anschließend im Archiv hören“, beschreibt Katrin Klingan die Inszenierung. Es entsteht ein begehbarer Klang­raum, den man in der Vielstimmigkeit der Radiowerke auch gemeinsam mit anderen erleben kann. „Es ging nicht darum, das Radio zu kopieren und eine intime Hörsituation herzustellen, sondern den Raum ernst zu nehmen und daraus ein auditives Ereignis zu machen“, ergänzt Babias, „man könnte auch sagen, dass die Radiokunst bei dieser Ausstellung nach Hause kommt, zur Kunst zurück, wo sie ursprünglich mal angesiedelt war“. 

Text: Jacek Slaski
Fotos: Meike Gronau, Peter_Ross

Sounds. Radio – Kunst – Neue Musik

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128/129, Mitte,
Di-So 12-18 Uhr, Do 12-20 Uhr, Eröffnung: Fr 12.2., 19 Uhr, 13.2.-28.3.

mehr Kunst:

Wilde Welten (bis 5.4.2010)
im Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg,
Di-So 10-18 Uhr, 24.1.-5.4.2010

FOTOGRAFIE ALS MAHNUNG BEI C/O BERLIN (BIS 28.2.)

KUNST UND MUSEEN IN BERLIN VON A BIS Z

 

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