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Off-Spaces und Projekträume in Berlin

Off-Spaces und Projekträume in Berlin

Berlin liegt nicht am Meer, dafür hat es einen „Ozean“. Leicht zu finden ist der aber nicht. Etwas versteckt auf dem Gelände des Atelierhofs Kreuzberg gelegen, ist „Ozean“ ein ziemlich ungewöhnliches Kunstprojekt. Schon der Raum selbst, eine leicht umgebaute Garage, ist ganz und gar nicht der klassische White Cube: links eine eingezogene Holzwand, rechts die Garagenmauer und vor dem Ausstellungsraum ein Gitter, durch das der Besucher die Ausstellungen ansieht. So schafft man nicht nur eine ungewöhnliche Perspektive, sondern spart sich auch die Aufsicht. Der Raum bestimmt im „Ozean“ auch die Ausstellungen.
„Diese spezielle Ausstellungssituation ist für die Künstler nicht immer einfach“, sagt die niederländische Künstlerin Hester Oerlemans, die den Raum vor fünf Jahren gegründet hat. „Die meisten haben dann aber gerade in der Problematik – ein Zuschauerraum ohne Zugang, der durch ein Gitter angesehen wird – eine Herausforderung gesehen. Inzwischen melden sich Künstler von sich aus, um eine Arbeit explizit im ,Ozean‘ zu realisieren.“
Oerlemans, die sich nicht als Kuratorin, sondern als Initiatorin eines Raumes sieht, in dem Künstler eine Arbeit realisieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen können, nimmt mit ihrem Projekt an der Berlin Art Week teil – als Teil einer jurykuratierten Auswahl von neun Projekträumen. Mit „Solos III“ hat sie sich ein besonderes Projekt ausgedacht: 22 KünstlerInnen werden im „Ozean“ ausstellen, allerdings nicht als klassische Gruppenausstellung, sondern eher als 22 Einzelausstellungen auf engstem Raum. Durch gebohrte Löcher in der Garagenholzwand wird der Besucher immer nur freie Sicht auf ein einzelnes Werk erhalten – wohingegen die Gesamtheit, durch das Gitter vor dem Ausstellungsraum betrachtet, eine Installation bildet.
Der „Ozean“ ist ein gutes Beispiel für einen der vielen Projekträume, die sich in Berlin angesiedelt haben, und die in ihrer Vielfalt den Nährboden für den Kunststandort Berlin ausmachen. Inzwischen scheint das auch die Politik begriffen zu haben und bindet die Projekträume vermehrt mit ein in große Events wie die Berlin Art Week. Dazu kommt der jetzt zum dritten Mal vom Senat an sieben Projekte vergebene, mit jeweils 30?000 Euro dotierte Preis, der in diesem Jahr auch an „Ozean“ verliehen wurde.Die strukturellen Probleme bleiben dabei unangetastet: Steigende Mieten verdrängen allenthalben Atelierhäuser und Projekträume und erschweren ganz allgemein das ohnehin schon prekäre Arbeiten jenseits der Institutionen. Der Preis des Senats kann eine grundlegende Förderung von Kunsträumen nicht ersetzen.
Die erneute Einbeziehung ausgewählter Projekte in die Berlin Art Week erscheint hingegen konsequent. Die von den drei Juroren Anna-Catharina Gebbers, Mathilde ter Heijne und Kolja Reichert ausgewählten neun Orte konzentrieren sich in diesem Jahr auf die Innenstadt und stellen diskursive Ansätze der Kunstproduktion in den Vordergrund. Außerdem entschied sich die Jury gegen die Aufnahme von kommunalen Galerien, die im Vorjahr mit der Galerie M in Marzahn und dem Kunstverein Tiergarten-Nord prominent vertreten waren. Dafür veranstaltet der Zusammenschluss der Kommunalen Galerien Berlin (KGB) vom 12. bis 21.9. parallel zur Art Week eine eigene Kunstwoche.

Off-Spaces und Projekträume in Berlin

Für dieses Jahr hat die Jury auch die District Kunst- und Kulturförderung in Tempelhof ausgewählt. Als nur eines von zwei Projekten liegt es knapp hinter dem S-Bahnring und unterscheidet sich programmatisch deutlich von den meisten Projekträumen: District vergibt nicht nur ein Atelierstipendium und organisiert Ausstellungen mit Bezug auf den Stadtraum, sondern engagiert sich dazu in Bildungsprojekten und verwaltet auf 300 qm ein Großraumatelier mit Werkstatt.
Zur Art Week werden hier die Ergebnisse der fortlaufenden Arbeit „Direct Approach“ von Stine Marie Jacobsen gezeigt. Seit ihrer Teilnahme im Künstlerhaus Bethanien 2012 interviewt die dänische Künstlerin Berliner Jugendliche, die sie auf der Straße trifft. Sie erzählen eine mit Gewalt verbundene Filmszene nach, die ihnen in Erinnerung geblieben ist. Die oftmals falsch erinnerten Szenen werden in Form eines Reenactment nachgestellt und gefilmt. So entsteht eine spannende und persönliche Mischung aus Interview und filmischer Aufarbeitung von erlebter Gewalt in der Popkultur. Während der Art Week wird das komplette filmische Material am 20.9. im Eiszeit Kino in Anwesenheit der Künstlerin aufgeführt und eine Publikation zu „Direct Approach“ vorgestellt.
Die Teilnahme an der Art Week und die damit einhergehende Aufmerksamkeit zahlen sich für Projekte aus, selbst wenn sie an scheinbar so entlegenen Orten wie Marzahn liegen. „Wir hatten in der Woche deutlich mehr Besucher, vor allem viele internationale Gäste, die sonst nicht nach Marzahn kommen. Man hat das oft direkt gesehen, wie sie ihre Art-Week-Liste abgearbeitet haben“, sagt Karin Scheel, Leiterin der Galerie M über ihre Erfahrung aus dem letzten Jahr. Den ausgewählten Spaces diesmal ergeht es hoffentlich genauso.

Text: Philipp Koch

Foto: Trevor Good / Marco Montiel-Soto – Distanz ohne Guayabo/ Florenty Turkowsky

?Adressen von Off-Spaces und Projekträumen

Archive Kabinett
Filme, Lectures, ?Ausstellungen
Dieffenbachstraße 31, Kreuzberg, ?tgl. 14–19 Uhr

die raum
Einzelausstellungen ?auf 5 qm
Oderberger Straße 56, Prenzlauer Berg,
durchgehend geöffnet

District  
Bessemerstraße 2–14, Schöneberg, Di–Sa 14–18 Uhr

import projects
Ausstellungen an der Schnittstelle von Kunst und Technologie
Keithstraße 10, ­Schöneberg, ?Do–Sa 13–17 Uhr, zur Art Week tgl. 13–17 Uhr

Kinderhook & ?Caracas

Fokus auf Editionen, Archiv und Dokument
Kreuzbergstraße 42?e, Kreuzberg, ?Fr+Sa 14–18 Uhr

L’oiseau prйsente
Malerei und Installation, kein fester Raum
zur Art Week: Pappel­allee 15, Prenzlauer Berg, Fr–So 16–19 Uhr

Ozean  
Schleiermacherstraße 31, Kreuzberg, tgl. 12–20 Uhr
 
Scriptings
Mobiler Ausstellungsraum und Verlag
zur Art Week: ?Kameruner Straße 47, Wedding, ?Do–So 15–19 Uhr

Team Titanic  
Interdisziplinäre ­Kunst?zur Art Week: ­
Auguststraße 90, Mitte, ?Sa 20.9., 18–23 Uhr, ?So 21.9., 14–19 Uhr

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