Ausstellungen

Spektakuläre Versteigering in der Villa Grisebach

Paradieslandschaft mit dem Sündenfall

So sieht also das Paradies aus, grün und friedlich. Jan Brueghel der Jüngere und Frans Wouters zeigen einen Wald mit Adam und Eva unter einem rosenumrankten Apfelbaum. Sie überreicht ihm gerade das indizierte Obst. Zu ihren Füßen tummeln sich Affen, Löwen, Meerschweinchen. Eine Menagerie voller Anspielungen in einer „Paradieslandschaft mit dem Sündenfall“ (Abbildung oben), irgendwo zwischen Fantasie und gemalter Natur.
Das packende Altmeister-Gemälde aus dem Jahr 1634 kommt am 3. Juli in der Villa Grisebach unter den Hammer. Schätzpreis: 300.000 bis 500.000 Euro. Die Auktionen mit 100 Gemälden und 300 kunstgewerblichen Objekten sind etwas Besonderes. Sie erinnern an die Goldenen 20er, als Berlin Hotspot der Kunstsammler war. Damals mittenmang: Kunsthändler Kurt Rohde und seine rührige Geschäftspartnerin Frieda Hinze.
In der Uhlandstraße 31, unweit vom heutigen Auktionshaus Villa Grisebach entfernt, brachten sie Werke wie dieses an betuchte Kunden. Auch die Museen zählten dazu. „Es gibt noch Bilderfunde“, titelte die „BZ“ 1926, als ein „Charlottenburger Vermeer“ für Aufsehen sorgte. Das Mädchenbildnis kaufte ein amerikanischer Milliardär. Andrew Mellon legte damit den Grundstein für die National Gallery of Art in Washington.  
Dabei hatte der 1882 geborene Rohde zunächst eine Militärkarriere eingeschlagen. Erst nach dem Ersten Weltkrieg bat der kaiserliche Major um seine Entlassung. Auf Fronturlaub in Berlin tätigte er bereits die ersten Akquisen historischer Möbel und Porzellane. Fleißig erarbeitete sich der ruhelose Autodidakt eine Existenz im Kunsthandel. Startkapital brachte die Heirat mit einer Industriellentochter. 1919 bezog die Familie eine Neunzimmerwohnung. Später folgten weitere neun Räume. Zwei Etagen voll mit Kunst, Galerie und Wohnen in einem. An der Wand hing auch jene Paradieslandschaft, die jetzt aus dem Nachlass von Elisabeth Rohde (1915–2013), ehemals Direktorin des Pergamon-museums, versteigert wird.
Dass der Bilderschatz so lange bewahrt blieb, ist auch Frieda Hinze zu verdanken. Die Schülerin Wilhelm von Bodes, Generaldirektor der Berliner Museen und Berater vieler Sammler, lebte ihm Haushalt der Rohdes. Sie half mit, einen Teil der Schätze über den ?Zweiten Weltkrieg zu retten. Das Großbürgertum Berlins war seit 1929 geschrumpft, verjagt und ermordet worden. Berlins Glanz verblasste, der Kunsthandel in der Mauerstadt erst recht.
Seine Sammlung aufgebaut hatte Rohde schon in den 20er-Jahren, als Berlin „den Kunsthandels- und Sammlerzentren London, Köln und Paris den Rang abgelaufen hatte. Hier wohnten die Unternehmer und jüdischen Großbürger, von denen viele Mäzene waren. Hier lag das Zentrum der städtischen Sammlerkultur, die sich seit 1871 mit Vehemenz gebildet hatte“, erklärt Stefan Körner, der bei Grisebach die Auktionen betreut.
Italienische Renaissance, Hollands Genremalerei oder flämische Großformate – die alten Meister, in denen man ewige Werte sah, standen damals hoch im Kurs. Welche Chancen räumt der Experte diesen Bildern heute ein? Immerhin wagt sich die 1986 gegründete Villa Grisebach, die lange auf die klassische Moderne spezialisiert war, bevor Zeitgenossen und Romantiker Einzug hielten, nun erstmals an die alten Meister. „Diese Sammlung lässt als letzte bedeutende Kollektion die einstige Bedeutung Berlins als Kunst- und Sammlermetropole aufleben“, sagt Körner. „Die Gemälde sind marktfrisch, waren der Forschung über 80 Jahre unzugänglich oder nur über Abbildungen bekannt.“ Das Interesse an den alten Meistern sei groß, denn „der Mythos der Sammlung und ihre Qualität, aber auch die konservativen Schätzungen lenken den Blick darauf“.
„Konservativ“ bedeutet: nicht überteuert. So wird für Brueghel in etwa so viel erwartet wie bei anderer Gelegenheit für einen Purzel-Adam von Baselitz. Manches Los ist sogar ?im vierstelligen Bereich angesetzt. Neben ?Gemälden sind auch Einrichtungsgegenstände aus der Rohde-Hinze-Kollektion im Angebot. Zum Beispiel ein schlesischer Deckelpokal oder die „meditierende Guanyin“, eine vergoldete Bronzestatuette aus der Ming-Dynastie (18. Jahrhundert), geschätzte 20.000 Euro wert.
Solch noble Stücke prägten in der Weimarer Republik das großbürgerliche Ambiente. In unseren Tagen jedoch, in denen das Designersofa kaum nach einer Pendule mit Venus und Cupido schreit, hat es exquisites Kunsthandwerk schwer. „Die Auktion einer solchen Sammlung in ihrer Breite von Teppich bis Brueghel ist, wie die Altmeister-Auktion an sich, unser Debüt. Darum haben wir mit 64 Fachwissenschaftlern aus aller Welt genau recherchiert und die Sammlung katalogisiert und geordnet.“ Eine riesige Detektivarbeit. Der immense Aufwand, der hinter jeder Auktion steckt, ist für den Außenstehenden, der am Ende nur die spektakulären Ergebnisse aufschnappt, kaum vorstellbar.
Auch diesmal sind neben Sammlern wieder einsatzfreudige Kunsthändler gefragt – wie der 1950 verstorbene Geschäftsmann Kurt Rohde und Frieda Hinze, die auf Auktionen kräftig boten. Nach Abriss des Hauses in der Uhlandstraße, das Anfang der 70er-Jahre dem Ku’damm-Karree wich, zog die Seniorin mit Rohdes betagter Witwe und deren Tochter Elisabeth in die Bundesallee. Ein Großteil der Bilder und Objekte blieb unausgepackt.
Besucher bekamen nur die vorderen Räume der Wohnung zu sehen. Hinter dem großen Berliner Zimmer vermuteten sie Schatztruhen und sich türmende Bilderberge. „Elisabeth Rohde mit der Sammlung ihres Vaters und Frieda Hinze mit ihrer Kunsthandelstätigkeit waren aus der Zeit gefallen. Ihr Ruf und die einstige Galerie wurden zum Mythos.“ Nun wird er gelüftet. Brueghel und Co suchen neue Besitzer.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto oben: Grisebach / Karen Bartsch, Berlin 2015

Foto mittig und unten: Fotostudio Bartsch, Berlin Germany

Die Sammlung Rohde-Hinze, Villa Grisebach, Fasanenstr. 25, Charlottenburg

www.villa-grisebach.de

Vorbesichtigung: bis 2.7., 10–18 Uhr

?Auktionen: Fr 3.7., 17 Uhr (alte Meister) und ?Sa 4.7., 11+14 Uhr (Kunstgewerbe)

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