Freie Szene

Project Space Festival 2018

Stadt, Kunst, Verdrängung: 27 Räume, 27 Orte – das Project Space Festival 2018 zeigt nicht nur die Vielfalt der freien Projekträume, sondern auch den kritischen Blick der Künstlerinnen und Künstler auf den Wandel Berlins

Foto: Joanna Kosowska

Durch die Straße der Pariser Kommune rauscht der Autoverkehr, Fußgänger hasten über die eingezäunten Wege um die Baustellen. Am Franz-Mehring-Platz steht inmitten des geschäftigen Treibens ein kleines Pförtnerhaus, teilweise verdeckt von Bäumen und Baufahrzeugen.
Als das Centrum Warenhaus, das modernste der DDR, 1979 am Ostbahnhof eröffnete, wurden hier die Güter am Eingang des etwa 800 Meter langen Anlieferungstunnels geprüft. Kurz nach der Wende, mit Übernahme des HO-Kaufhauses durch Hertie, hatte man die Pförtnerstellen durch Überwachungskameras ersetzt und das Häuschen mit Holzplatten verrammelt. Bis es 2016 von Christof Zwiener entdeckt wurde.

„Mit offenem Auge durch die Stadt und gerade dorthin zu schauen, wo die Wege selten vorbeiführen, das ist bei meinen Projekten die Grundlage“, sagt der Künstler, der vergessene Orte und Räume in Berlin als Fragmente urbaner Geschichte und Anschauungsobjekte eines ständigen Transformationsprozesses mit künstlerischen Interventionen in den Fokus rückt. Bis Oktober dieses Jahres lenkt er, diesmal als Kurator, mit dem Projekt „CNTRM“ den Blick auf dieses kleine Stück Stadthistorie, während der österreichische Investor Signa das Kaufhaus am Ostbahnhof in einen Glaspalast für Büroräume, Geschäfte, Restaurants, Arztpraxen und eine Kita verwandelt.

Der Sieben-Quadratmeter-Raum ist einer der über die ganze Stadt verteilten Kunstorte beim Project Space Festival, das in diesem Jahr zum vierten Mal einen Ausschnitt aus der lebendigen freien Berliner Kunstszene präsentiert. Aus dem Pförtnerhaus wird dann eine Dolmetscherkabine. Ein Film von Clarissa Thieme, entstanden 1991 in Sarajewo, wird live in verschiedene in Berlin verbreitete Sprachen synchronisiert und im Außenraum davor gezeigt.
27 von einer Jury ausgewählte Kunsträume stellen sich den August über im täglichen Wechsel mit ihren aktuellen Projekten vor. 2014 von drei Kuratorinnen gegründet, richtet das Festival einmal im Jahr den Fokus auf die nicht kommerziellen Projekträume in Berlin. Räume, die aufgrund des Immobilienwahnsinns mehr denn je um ihre Existenz kämpfen.

Nach 14 Stationen mit der Ubahn gelangt man vom Franz-Mehring-Platz nach Hellersdorf. Auf dem Kastanienboulevard, Anfang der 1990er-Jahre noch belebte Einkaufsstraße, bis die großen Shoppingcenter in der Nähe errichtet wurden, thront im Zentrum die Ruine der ehemals zentralen Kaufhalle. Ein paar Schritte weiter hat Carola Rümper ihren „Projektraum für das Periphere“ mp4. „Wenn man in Neukölln oder Kreuzberg ist, kommen ja sowieso viele Kunstinteressierte“, erzählt die Künstlerin, „das fehlt hier natürlich. Deshalb bieten sich partizipatorische Projekte an oder solche, die im öffentlichen Raum stattfinden.“

Zum Project Space Festival eröffnet sie die Ausstellung „My Home is my castle“ mit Fotos von Wohnzimmern, die ihr die Bewohner aus dem Kiez zur Verfügung stellen. Aus den Bildern wird ein Archiv angelegt, das die Geschichte aus einem anderen Winkel betrachtet.
Grenzüberschreitungen zwischen künstlerischen Medien und Kunst und Wissenschaft oder anderen Sparten seien inzwischen keine Ausnahmen mehr, sondern Selbstverständlichkeit, stellen die diesjährige Festivalleiterin Marie-josé Ourtilane und ihre Vertreterin Cora Hegewald fest. „Und es gibt oft den Bezug zum Raum, zur Architektur Berlins“, sagt Hegewald.

Der Wildwuchs als Symbol
2017 hatte das Festival wegen fehlender finanzieller Mittel nicht stattgefunden. In diesem Jahr wird es vom Hauptstadtkulturfonds gefördert und zum ersten Mal in Kooperation mit dem Netzwerk freier Berliner Projekträume und -initiativen e.V. ausgerichtet. „Die Kooperation soll ein Zeichen setzen, dass man in die gleiche Richtung geht, dass man das Gleiche will und die gleiche Szene vertritt“, sagt Susann Kramer vom Netzwerk. „Das Festival schafft einen guten Rahmen, um die Projekträume zu präsentieren, und das Netzwerk arbeitet kontinuierlich als Interessensvertretung. Der Projektraumpreis, inzwischen in die Berlin Art Week integriert, ist ja auch eine Frucht der Netzwerkarbeit.“ Neben zwei Podiumsdiskussionen zu Kommerzialisierung von Kunsträumen und kollektiver Arbeit richtet das Netzwerk die Abschlussveranstaltung aus und öffnet ebenfalls einen Infopunkt.

Mit Architektur und Raum befasst sich auch die Ausstellung „Faultlines“ in Pankow-Niederschönhausen, konzipiert von der Aus-
tralierin Sonja Hornung. Hier steht im ehemaligen Diplomatenviertel der DDR nahe dem Majakowskiring einer der modernistischen für Botschaften in der DDR errichteten Plattenbauten von 1975. Etwa elf Jahre von den Australiern genutzt, sollte das Gebäude 2015 abgerissen werden und dem Wohnungsbau weichen. Es wurde noch rechtzeitig unter Denkmalschutz gestellt. Im April 2017 hat eine Gruppe von um die 30 Künstlerinnen und Künstler die Genehmigung zur Zwischennutzung als Atelierhaus erhalten und betreibt dort den Projektraum x-embassy.
„Die versuchen das Haus auch als Atelierhaus zu retten, und ich hatte die Idee, darauf künstlerisch zu reagieren“, sagt Sonya Schönberger, die bei „Faultline“ mitwirkt. Das Gebäude mit der Fassadengestaltung der Keramikkünstlerin Hedwig Bollhagen und den vielen Terrassen fasziniert Schönberger. Vor allem der wilde Bewuchs des Geländes hat sie zu ihrem Projekt inspiriert. „Das Unkraut stellt für mich eine Art Symbol für die Übergangszeit dieses Hauses dar: Wer gehört dazu, wer nicht, wer entscheidet, was Unkraut ist?“, sagt Schönberger. „Und in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Dürfen denn die Künstler jetzt in diesem wunderschönen Bau bleiben – oder ist das nur für die, die sich eine Eigentumswohnung leisten können? Wer wird rausgerupft, wer darf sich verwurzeln?“

Project Space Festival 2018
27 Berliner Projekträume; diverse Orte, 1.–31.8., Eröffnung 1.8., 19 Uhr, Acud macht neu, ­Veteranenstr. 21, Mitte; Abschlussparty, 31.8., 19 Uhr,
Kunstpunkt Berlin, Schlegelstr. 6, Mitte; www.projectspacefestival-berlin.com

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