Ausstellungen

„Stay Hungry“ in den Kleingärten am Gleisdreieck

Stay_HungryBono hat seine Band nach ihr benannt, sie durchquert die ganze Stadt: die U-Bahn-Linie 2. Wenn sich die gelbe Waggonschlange vom Gleisdreieck in Richtung Bülowstraße quietschend in die Kurve legt, schauen die meisten Fahrgäste, egal ob Berliner oder Tourist, aus dem Fenster. Unter ihnen bietet sich ein ungewöhnliches Großstadt-Panorama mit Hochhauskulisse am Potsdamer Platz und einer wüsten Brachlandschaft mit Gärten. Ausgerechnet hier in der Schrebergartenkolonie POG (Potsdamer Güterbahnhof), während der russischen Blockade Berlins 1948 gegründet, wird am 19. Mai die Kunstausstellung „Stay Hungry“ eröffnet. Verabschiedet sich die Kunst aus dem Alltag? Ist der Kunstbetrieb zu einer Art eskapistischen Schrebergartenbewegung geworden? Diese Gretchenfragen nach der aktuellen Situation der Gegenwartskunst stellen die Kuratoren Anna Redeker und Theo Ligthart. Schließlich bedeutet „Stay hungry“ so viel wie „Biss behalten“.

Die Kuratoren glauben, die Kunst werde „zu einem dekorativen Versatzstück privater Sammler-Mausoleen, während Museen den Charakter von Eventflächen ungelenk nachstellen“. Also verpflanzen die Ausstellungsmacher Kunstwerke in die Kleingartenkolonie, die einst Symbol für soziale Utopie war, heute aber für kleinbürgerliche Idylle steht. Die Schau ist als Reihe konzipiert, die Ende Mai in eine zehntägige Hauptausstellung mündet. Seit Januar wurde in vier sogenannten Previews das Terrain getestet. Anna Redeker wirkt mit ihrem strengen Kurzhaarschnitt, schwarzen Kleid und Kirschmund wie eine französische Filmschauspielerin aus den 20er Jahren. Die Mittzwanzigerin aus Württemberg lebt seit knapp drei Jahren in Berlin. Sie studiert Kunstgeschichte an der HU, wo sie gerade zum Thema „Kunst und Garten“ ihren Master macht. Die aufgeschlossene Studentin ist Teil einer jungen Berliner Künstler- und Kuratorenszene, die sich etwa im „Forgotten Bar Project“ mit Ausstellungen, die nur einen Abend dauern, austoben. Diese Shows mit Kunstraumcharakter, hinter denen die „Galerie im Regierungsviertel“ steckt, karikieren die atemlose Galerienhetze und einen unersättlichen Kunstmarkt. Einen Teil dieser Philosophie brachte Redeker in „Stay Hungry“ ein.

Stay_HungryAnders als in der „Forgotten Bar“, wo schon kleine Werke 4?000 Euro kosten, stemmen Anna Redeker und Theo Ligthart ihre Previews aber aus eigener Tasche. Erst für die Hauptausstellung gab es dann eine Projektförderung vom Kultursenat. Bei einem Rundgang über verwinkelte Sandwege, vorbei an zugewachsenen Gartenzäunen, hinter denen Schoßhunde kläffen, wird schnell klar: Die Kunstwerke werden es nicht leicht haben, sich in dieser individuell gestalteten Welt zu behaupten. So waren auch einige Besucher bei den Vorschauen irritiert: Was ist jetzt Kunst und was nicht? Der gesellige Schrebergärtner Siggi berichtete bei einer der Previews so lebhaft über das „Abhängen von Bäumen“ mit betongefüllten Cola-Dosen oder das Räuchern von Wild, dass er prompt für einen Performancekünstler gehalten wurde.
Dennoch sind es krasse Gegensätze, die hier aufeinanderprallen: Arme-Leute-Kultur trifft Hochkultur. Für die Kuratoren und Künstler wird die Gartenkolonie zum Sehnsuchtsort. Die erste Vorschau im kalten, regnerischen Januar stand ganz im Zeichen der Romantik eines E. T. A. Hoffmann. Im Februar tauchte der Filmoberbeleuchter Christoph Nickel die Anlage in ein surreales Lichtbad. Beim dritten Kunsthappening ging es gar um das antike Vorbild des Hortus conclusus, eines von der Außenwelt abgeschlossenen paradiesischen Lust- und Liebesgartens.

Kurz vor Ostern strömten 700 Menschen zu Musik von Jochen Arbeit der Einstürzenden Neubauten und Performances in die Gärten.Die Laubenpieper gärtnern auf historischem Boden. Im Zweiten Weltkrieg wurden der Potsdamer Platz und der zugehörige Güterbahnhof komplett zerbombt. Ehemalige Eisenbahner, Witwen und Kriegsflüchtlinge trotzten der Trümmerwüste 1948 Gartenfläche ab, um sich selbst zu versorgen. Die Kolonie trägt keinen blumigen Namen. „Hier gab es keine Alpenglühen-Anwandlungen“, betont Klaus Trappmann, der Vorsitzende der Kleingärtner. Doch die Gartenidylle trügt auch, die Stadt nagt spürbar an der Kolonie. An ihrem Eingang räumen die Gärtner Spritzen und Kondome des Straßenstrichs Bülowstraße weg. In der Nachbarschaft steht das in den 80er Jahren besetzte Haus B-52.
Beinahe wäre die Gartenanlage vor zwei Jahren zugunsten eines geplanten Sportplatzes geschlossen worden. Passend bezieht sich der Ausstellungstitel „Stay Hungry“ auf den gleichnamigen Film mit Arnold Schwarzenegger (1976), der von der Rettung eines Trainingsstudios für Bodybuilder vor Immobilienhaien handelt. Auch mit Aktionen wie der aktuellen Ausstellung haben die Schrebergärtner um Präses Trappmann ihr Paradies erhalten.

Stay_HungryFür die Hauptausstellung wurden 20 Arbeiten internationaler Künstler, bekannte und unbekannte Namen, ausgewählt. Die Arbeiten müssen, so Redeker, vor allem eines können: „Eine Geschichte erzählen und ein gutes Konzept haben“. Wie einer der wichtigsten Künstler der Schau, Stephen Willats. Der Brite, 1943 in London geboren, ist einer der Urväter der Konzeptkunst der 60er und 70er Jahre. In dem roten Gewächshaus der Gärtner Martin und Laure beschäftigen sich Willats’ Arbeiten mit dem sozialen Klima in Schrebergärten und Stadtrandsiedlungen. Neben sozialkritischen Kunstwerken gibt es auch schräge Performances. So wird der Hamburger Künstler Simon Wachsmuth eine depressive Biene im selbst gebauten Glashaus mimen. Die Pariser Malerin Agathe de Baillancourt plant zur Vernissage eine Kunstaktion direkt unter den Gleisen der U2. Aus dem anfänglichen Misstrauen der Gartenkolonisten gegenüber den Künstlern, die auf ihren Grundstücken ihre Kunstwerke entwickeln und zeigen, ist Begeisterung und Freundschaft geworden.
Schließlich ist die Gartenkolonie auch ein spezieller Mikrokosmos aus mittlerweile 15 Nationen. So freundete sich die finnische Künstlerin Pia Lindman mit der Französisch-Peruanerin Sonia Alban-Zapata an. In ihrem Garten finden seit Januar Lindmans Performances statt, während eine organische In­stallation aus Brandenburger Torf und Kalk entsteht. Es macht Spaß, Kunst in immer neuen Rahmen zu sehen – in den Worten von Ausstellungsmacher Harald Szeemann: „Die Inszenierung, wenn gelungen, ist Dienst am Kunstwerk und hat seiner Autonomie noch nie geschadet.“

Text: Laila Niklau

Fotos: Harry Schnittger

„Stay Hungry“, Ausstellung in den Schrebergärten am Gleisdreick in Schöneberg, Zugang Schrebergärten Ecke Bülowstraße/Dennewitzstraße durch die graue Stahltür. Vernissage am 19. Mai um 19 Uhr, Laufzeit bis 29. Mai, tgl. ab 20 Uhr- Termine Performances und Kuratorenführungen auf: http://stay-hungry.net

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