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Stephen Shore bei C/O Berlin

Stephen Shore bei C/O Berlin

Auch wenn der Name nicht jedem etwas sagt, Stephen Shore ist einer der großen US-amerikanischen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Schon seine Lebensgeschichte liest sich wie ein Hollywood Drehbuch: voller Chuzpe, mit dem Glück zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, und natürlich mit dem dazugehörigen Auf und Ab. Dazu kommt der nötige Starrsinn, auf den eigenen Ideen zu beharren, auch wenn diese nicht gleich von allen verstanden werden.
1961, mit nur 14 Jahren, bietet Shore dem Kurator des Museum of Modern Art in New York, Edward Steichen, seine Fotografien an. Drei werden prompt angekauft. Mit gerade mal 18 Jahren ist er Teil von Warhols Factory, die er mit der Kamera dokumentiert. Er beginnt mit konzeptuellen fotografischen Arbeiten. Mit nicht einmal Mitte 20 – da machen viele gerade erst ihren Abschluss an der Kunsthochschule – reist er mit der Kamera kreuz und quer durch die USA und wird mit der Roadtrip-Serie vAmerican Surfaces“, die während dieser Zeit entsteht, einer der Protagonisten einer fotografischen Revolution.
Die auf den ersten Blick wie Schnappschüsse wirkenden Bilder dieser Serie sind nicht nur in ihrer Komposition zutiefst durchdacht, sondern versuchen auch mehr einzufangen als das Aufgenommene. Sie vermitteln ein Lebensgefühl und kulturell spezifische Eigenheiten. In gewisser Weise funktionieren sie damit wie ein Text, den das Auge zu lesen verstehen muss. Die Fotografien sind eingebettet in einen kulturellen und visuellen Kontext, der über das Dargestellte hinausweist wie der Eintrag in einem Notizbuch, wie eine Gedankenskizze.
Und dann ist da natürlich die Farbe. Auch wenn sich das aus heutiger Perspektive fast komisch anhört, war Farbe in der Kunstfotografie der sechziger und siebziger Jahre ein Unding und der Werbung vorbehalten. Kunst konnte nur schwarz-weiß sein, wenn es um Fotografie ging. Mit anderen amerikanischen Fotografen wie William Eggleston und Joel Meyerowitz hat Shore die Farbe in der Kunstfotografie hoffähig gemacht, auch wenn sie am Anfang von den Kritikern dafür angefeindet wurden. Wie in einem Gemälde nutzten und nutzen diese Pioniere die Farbe im Foto nicht um ihrer selbst willen, sondern als supplementäres kompositorisches Element.
Dass es gerade das als Stiftung geführte Haus C/O ist, das diesem sperrigen Fotografen eine große Retrospektive mit mehr als ?300 Arbeiten aus über 50 Jahren ausrichtet, mag nach dem Auftaktjahr mit populären Namen – Corbijn, Salgado, 100 Jahre Leica – überraschen. Doch C/O Berlin hat schon immer Mut bewiesen. Gerade Shores Roadtrip-Serien wie „American Surfaces“ und „Uncommon Places“, von denen ja heute jeder Fotograf eine zu machen scheint, haben durch ihr ironisches Potential durchaus Blockbuster-Potential.
Und  C/O beginnt mit dieser Ausstellung die Geschichte des eigenen Hauses zu erforschen. Das Amerika Haus war das Kulturschaufenster der USA in der Frontstadt Berlin, wo  Shore – neben anderen bedeutenden amerikanischen Fotografen, die womöglich in den nächsten Jahren auch bei C/O gezeigt werden – Anfang der 1980er Jahre ausstellte.  Außerdem gab er an der von dem Berliner Fotografen Michael Schmidt initiierten „Werkstatt für Photographie“ einen Workshop.
Die Auseinandersetzung mit Shore und den anderen Fotografen, die im Amerika Haus ausstellten, haben, wenn auch nicht in geradliniger Kausalität, mit zum Erfolg deutscher Fotografie beigetragen. Insbesondere die Fotografen aus der Düsseldorfer Becher Schule haben die Auseinandersetzung mit dem Bild und der Farbe, wie sie von den US-Fotografen als erste erforscht wurden, in den deutschen Diskurs übertragen. Zwei der bedeutendsten zeitgenössischen Fotografen, Andreas Gursky und Thomas Struth, benennen Shore sogar als direkten Einfluss ihrer Arbeit.
Heute beschäftigt sich Shore, neben der Arbeit an weiteren Fotoserien in Form von Roadtrips, mit neuen Möglichkeiten durch Digitalisierung. So verlegt er selbst kleine Editionen von Büchern als Print on Demand, wobei diese jeweils aus Fotografien bestehen, die an einem Tag entstanden sind – ein Tag ein Buch sozusagen. Zudem ist er auf Instagram und postet dort regelmäßig, häufig Kleinstserien von drei bis fünf Fotografien, die auch Teil der Ausstellung sein werden und durch die sich der Besucher dann hindurch klicken kann.
Betrachtet man sein Werk, insbesondere auch die konzeptuellen Arbeiten der späten sechziger Jahre und die Roadtrips, so erscheint seine Faszination mit der Form eines visuellen Notizbuches, wie man Instagram ja auch verwenden kann, nur logisch. Das ermöglicht seiner Arbeit, die ohnehin auf diese Form hin ausgerichtet ist, noch eine weitere Dimension und eine Form der Gleichzeitigkeit, wie sie vor Zeiten der Digitalisierung gar nicht möglich war. Nicht alles im Netz ist eben digitaler Datenmüll.

Text: Philipp Koch

Fotos:
Stephen Shore / Courtesy 303 Gallery, New York & Sprüth Magers

Stephen Shore – Retrospektive
C/O Berlin Amerika Haus, Hardenbergstr. 22-24?, Charlottenburg, tgl. 11–20 Uhr, 6.2–22.5.
Eröffnung Fr 5.2. 19 Uhr

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