Ausstellungen

Stroke Artfair im Postbahnhof

atm galleryDer Begriff Streetart ist mittlerweile omnipräsent. Doch seine Definition wird immer diffuser. Die Stroke, eine Messe für urbane Kunst, macht dies deutlich. Zum fünften Mal wird sie dieses Jahr stattfinden, zum zweiten Mal in Berlin. Eine Messe in einer Halle, gedacht für eine urbane Kunstform. Klingt zunächst am Ziel vorbei gedacht. Doch die Veranstalter Marco und Raiko Schwalbe sehen das so: „Urbane Kunst ist vom städtischen Leben inspiriert. Viele der ausgestellten Werke, aber nicht alle, sind von Künstlern, die auf der Straße angefangen haben oder immer noch auf der Straße arbeiten.“

Marco und Raiko Schwalbe sind Berliner. Ihnen schien seit jeher ihre Heimatstadt als Veranstaltungsort der Messe verführerischer als München, wo die Stroke die ersten drei Jahre haltmachte. Dort haben Kunstinteressierte das nötige Kleingeld, doch scheint Berlin, seit Jahren als Mekka für Graffiti- und Urban-Art-Interessierte bekannt und Homebase für rund 300 Artists, für diesen Rahmen angemessener. Nach dem letzten Jahr kann der „Härtetest“, so die Stroke-Macher, als bestanden gelten: 8.000 Besucher, Lob von Kunstmessen-Organisatoren und ein breites Medienecho sprechen für sich.

Die Entstehung der Kunstform Streetart auf eine Person oder Zeit zu fixieren, fällt nicht leicht. Beschäftigt man sich mit dem Thema, so trifft man zwar immer auf Namen wie Blek le Rat oder Keith Haring – mit der rasanten Entwicklung der letzten Jahre jedoch haben diese Herren, ohne ihnen ihren Pionierstatus absprechen zu wollen, nicht mehr allzu viel zu tun. Betrachtet man das Straßenbild rund um den Globus, so scheint Street- beziehungsweise Urban Art die vorherrschende zeitgenössische Kunstform zu sein. Wenig ist geblieben von der anfänglichen Ablehnungshaltung – Schablonen, In­stallationen, Papers, wohin das Auge blickt. „Wer sich in diesem Kunstherbst durch die neue Messekonstellation geschleppt hat, wird an dem Einfluss der Bildsprache aus dem öffentlichen Raum kaum vorbeigekommen sein, aber natürlich nicht unter dem Namen Streetart“, sagt Marc Scherer, Leiter der ATM Gallery.

Galerien für Streetart, seien sie temporär oder dauerhaft, gab es in Berlin schon viele. Die ATM Gallery gehört zu den wenigen, die es geschafft haben, sich zu etablieren. Trotz des Umzugs von Mitte nach „Schönekreuz“, wie Scherer die Gegend an der Grenze von Schöneberg und Kreuzberg nennt, und einer Pause erwachte die Galerie an neuem Standort wieder zum Leben. Und „für die Stroke haben wir Eliot, Emess, Just, Stink! und SpY aus Madrid im Gepäck“, so Scherer. Ebenfalls erwähnenswerte Urban-Art-Galerien sind die Westberlin Gallery, Skalitzers Contemporary, Neurotitan und als Ausstellungsort das Stattbad Wedding. Das Problematische ist jedoch meist, dass die Betreiber der Galerien die Künstler selbst sind.

Emess_Money_Portraits„Ausstellungen sind sehr arbeitsintensiv und kosten viel, und nach ein paar Jahren der Galeriearbeit fragt man sich da schon, ob sich der Einsatz von Geld, Zeit und Energie wirklich lohnt, wenn man nichts verkauft“, sagt Scherer. Die Preise bei ATM liegen in der Regel zwischen 150 und 2.800 Euro. International werden bis zu 150.000 Euro erzielt. Wobei es Marc Scherer nicht primär ums Verkaufen geht. „Für die Szene haben die Galerien eigentlich keine Relevanz. Was auf der Straße passiert, ist unabhängig davon. Ich verstehe die Arbeit meiner Galerie eher als eine Möglichkeit, Transparenz und Akzeptanz für eine Kunstrichtung zu schaffen, die bei vielen immer noch als ‚Schmiererei‘ oder ‚Kinderkram‘ verschrien ist.“

Vielen ist allein die Tatsache zuwider, dass es überhaupt Galerien für eine urbane Kunstform gibt. „Doch im Gegensatz zu den meisten Leuten bin ich der Meinung, dass Streetart nicht immer Underground sein muß. Es ist doch ein Medium wie viele andere auch“, meint El Bocho, Berliner Streetartist und Weltrekordhalter für das größte Tape-Art-Motiv am Stattbad Wedding. Ähnlich müssen es wohl auch Künstler wie Banksy sehen, dessen Film „Exit Through The Gift Shop“ der Bekanntheit von Streetart einen weiteren Schub gegeben hat.

Zudem bringt das öffentliche Interesse ein neues Thema für die Künstler selbst mit sich – den kritischen Umgang mit der Beliebtheit „ihrer“ Kunstform. Brad Downey, ohnehin bekannt für seine eher kritischen Werke, stellt derzeit ein von mehreren Farbschichten befreites Banksy-Werk im Kunstraum Kreuzberg aus. Diese gehen mittlerweile für astronomische Summen weg. Denn Banksy hat es geschafft. Er ist die Nummer 1 des Marktes, gegen den sich so viele sträuben, und der doch längst da ist.
Für alle potenziellen Nachzügler ist es schwer, sich in dem mittlerweile existierenden Wust aus Künstlern und denen, die gerne welche wären, durchzusetzen. Die Stroke will Abhilfe schaffen. Sie bietet insgesamt 29 internationalen Künstlergruppen und Galerien, davon zehn allein aus Berlin, eine – und hier dürfte der Knackpunkt im Vergleich zu anderen Kunst-Messen liegen – erschwingliche Plattform, um sich jenseits der Straßen zu präsentieren. Scherer dazu: „Für die Szene sind Festivals oder Live-Paintings wie auf der Stroke viel wichtiger als eine Ausstellung – denn meist sind die ausgestellten Werke eh schon bekannt. Bei der Live-Umsetzung aber kann man den Künstlern direkt auf die Finger schauen und Arbeitsweisen austauschen.“ Hinzu kommt die Chance für talentierte Urban Artists, beispielsweise aus Italien, Peru und Argentinien, aus der Masse herauszustechen. Wenn die Qualität stimmt. Die zählt glücklicherweise doch noch.

Text: Josef Dube

Foto oben: Harry Schnitger (Marc Scherer/ATM Gallery (l.) und Künstler Steve Hiam)

Foto unten: Emess (Money Portraits)

 

STROKE.Artfair Postbahnhof, Straße der Pariser Kommune 8, Friedrichshain, 14.–16.10. Fr+Sa 13–23.30 Uhr, So 13–18 Uhr

ATM Gallery Berlin Eylauerstraße 13, Kreuzberg, Mi–Sa 13–19 Uhr

Stattbad Wedding Gerichtstraße 65, Wedding

Skalitzers Contemporary Skalitzerstraße 43, Kreuzberg, Mi–Sa 13–19 Uhr

Westberlin Gallery Brunnenstraße 56, Wedding, Mi–Sa 11–18.30 Uhr

Neurotitan Galerie im Haus Schwarzenberg, Rosenthalerstraße 39, Mitte, Mo–Sa 12–20 Uhr, So 14–19 Uhr

Mehr über Cookies erfahren