Ausstellungen

„After Year Zero im Haus“ der Kuklturen der Welt

Gruppenbild vom Kolonialfeldzug / Installation Yervant Gianikian und Angela Ricci Lucchi

Die Mauer, die in Berlin bis 1989 zwei Systeme voneinander trennte, war zwar nur 43 Kilometer lang. Aber sie reichte im Grunde um die ganze Welt. Denn im Kalten Krieg gab es die USA und die Sowjetunion mit ihren jeweiligen Einflussbereichen, und es gab nur wenige Länder, die sich da nicht entscheiden wollten. Man sprach damals von den „Blockfreien“, ein Begriff, der an eine Weltordnung erinnert, die von waffenstarrender Systemkonkurrenz geprägt war. Heute verlaufen die Konfliktlinien anders, sie sind nicht so deutlich wahrzunehmen. Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, sich noch einmal an die Staatenordnung nach 1945 zu erinnern, wie es das Projekt „After Year Zero“ im Haus der Kulturen der Welt tut. „Geografien der Kollaboration nach 1945“ lautet der Untertitel der von Anselm Franke und Annett Busch kuratierten Veranstaltung, die filmische Installationen und Vorführungen, aber auch eine Tagung umfasst.
Im Zentrum steht eine Ausstellung, die fünf künstlerische Positionen zusammenführt: John Akomfrah, Kader Attia (der heuer auch eine Schau in den Kunst-Werken hatte), Yervant Gianikian und Angela Ricci Lucchi, The Otolith Group und Jihan El-Tahri. Alle haben sich auf verschiedene Weise mit Afrika beschäftigt, wobei die aktuelle Arbeit „The Unfinished Conversation“ von John Akomfrah einen afrokaribisch-britischen Zusammenhang umfasst. Er zeigte schon bei der Liverpool Biennial diese Drei-Kanal-Installation, in deren Mittelpunkt Stuart Hall steht, einer der Begründer der „Cultural Studies“, geboren in Jamaika. Sein Satz „Differenz macht die Welt erst richtig aufregend“ könnte auch über der ganzen Veranstaltung „After Year Zero“ stehen, in der Ansätze dokumentiert werden, sich den radikal vereinheitlichenden Versuchen der modernen Systeme Kapitalismus, Kommunismus und auch Faschismus zu widersetzen.
Äthiopien etwa wurde zur Außenstelle jener Gesellschaftsexperimente, die Mussolini in Italien und in den Kolonien veranstaltete – die bekannten Found-Footage-Künstler Gianikian/Ricci Lucci versuchen, dieser Sache mit einer Montage aus „gefundenem“ Material nachzugehen. The Otolith Group wiederum produziert eigens für Berlin eine Arbeit, die sich mit der Entkolonisierung Ghanas beschäftigt, die von Kwame Nkrumah maßgeblich initiiert wurde. Sehr spannend dürfte auch werden, was Kader Attia sich vorgenommen hat: Er interessiert sich für die afrikanischen Kunstbestände, die der Vatikan angesammelt hat; die Kirche war ja jahrhundertelang eine Kolonialmacht eigener Ordnung. Jihan El-Tahri schließlich legt mit ihren Arbeiten komplexe Beobachtungen zu Ägypten vor, einem Land, das auch den Aufbruch in die Moderne probiert hat in eben jener Ära, die Franke und Busch in Augenschein nehmen.
Sonderbriefmarke zur Bandung-Konferenz 19551955 fand in Bandung eine afro-asiatische Konferenz statt, auf der Staaten über Alternativen zu den hegemonialen „Schutzmächten“ sprachen. Um diesen „Bandung Moment“ wird es auch bei der Tagung gehen, die im Oktober weitere Aspekte der skizzierten geopolitischen Situation beleuchten soll (eine zweite Tagung ist für November geplant). Dabei spielen sowohl zeithistorische wie populärkulturelle Dimensionen eine Rolle, durchaus in jenem Sinn, wie auch die „Cultural Studies“ dazu beigetragen haben, Unterscheidungsmanöver im symbolischen Bereich mit konkreten politischen Einschlüssen und Angrenzungen auf einer gleichen Ebene zu behandeln. Ein kurzer Film über „Archie Shepp а Alger“ aus dem Jahr 1971 bringt die Verbindung verschiedener Avantgarden exzellent auf den Punkt. Die Jahre nach dem Jahr null, 1945, waren Jahre eines Aufbruchs, auf den man sich heute wieder besinnen sollte. „After Year Zero“ bietet dazu eine Menge relevantes Material.

Text: Bert Rebhandl

Foto (oben): Courtesy Yervant Gianikian & Angela Ricci Lucchi

After year Zero?, Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Mi–Mo 11–19 Uhr, ?19.9.–24.11.

Verlosung 5 x 2 Freikarten, ?E-Mail mit Kennwort „After Year Zero“ bis 17.9. an: [email protected]

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