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Susan Philipsz über ihre Installation „Part File Score“

Susan_Philipsz_DvBDie 1965 in Glasgow geborene Bildhauerin lebt seit 10 Jahren in Berlin. Ihr Atelier hat sie in Schöneberg. 2010 erhielt sie den renommierten Turner-Preis, der somit erstmals an eine Klangarbeit vergeben wurde. Ihre Arbeiten waren u. a. auf der documenta und im New Yorker MoMA zu sehen.

Was ist eigentlich Ihr Lieblingsgeräusch, Frau Philipsz?
Das Geräusch von Schnee und Eiszapfen. Die Espressomaschine am Morgen. (lacht) Für jemanden, der mit Sounds arbeitet, genieß ich aber auch die Stille sehr.

Immer mehr Künstler arbeiten mit Sounds.
Gerade war ich im New Yorker MoMA Teil einer Ausstellung, wo es nur darum ging. Aber nicht alle definieren sich selbst so. Mich nehmen die Leute seit dem Turner-Preis so wahr. Ich komme aber, anders als John Cage, mit einem visuellen, nicht mit einem musikalischen Hintergrund. In meinen Augen bin ich Bildhauerin, auch wenn ich mit Sounds arbeite.

Was fasziniert Sie am Medium Klang?
Durch Sounds kann man einen Ort ganz anders wahrnehmen. Als Studentin hatte ich mich auf Skulpturen spezialisiert. Dann interessierte ich mich für die bildhauerischen und psychologischen Aspekte von Sound. Und wie Sounds einen Raum definieren können.

Wie gehen Sie in Ihrer neuen Installation „Part File Score“ mit der großen Halle des Hamburger Bahnhofs um?
Ich habe viel über seine frühere Funktion als Bahnhof nachgedacht. Bei den zwölf Rundbögen dachte ich an Zwölftonmusik und an Hanns Eisler. Nach dem Reichstagsbrand musste er Deutschland verlassen, ging nach Hollywood, wo er Filmmusik komponierte. Aber dann wurde er vom FBI als Kommunist verdächtigt und musste die USA wegen „un-amerikanischer Aktivitäten“ verlassen.

Warum haben Sie genau diese drei Musikstücke für Ihre Installation ausgewählt?
Walter Ruttmanns Film „Opus III“ wurde hier in Berlin gedreht. Hanns Eisler hat dafür eine sehr emotionale, rhythmische Musik geschrieben. Für „Fourteen Ways to Describe Rain“ erfand Eisler wortwörtlich vierzehn Arten, Regen zu beschreiben. Das ist eng verbunden mit seinem Buch „Composing for the Films“, das er mit Adorno schrieb. Für „The Circus“, den letzten Stummfilm Charlie Chaplins, sollte Eisler eigentlich die Musik schreiben. Die blieb aber unvollendet.

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Was passiert mit einem Musikstück, wenn Sie es auf 24 Tonkanäle aufsplitten?
Ich verräumliche den Klang. Dadurch entsteht das Gefühl von Trennung und Abstand ganz physisch. Das passt zu Eisler, der zweimal emigrieren musste. Durch den Sound kann man den Hamburger Bahnhof als Raum des Abschieds neu wahrnehmen.

Warum überlagern Sie in Ihrer Arbeit Eislers FBI-Akten mit seinen Partituren?
In beidem steckt viel aus Eislers Leben. Vieles wurde vom FBI entdeckt: Chaplin und Schönberg kommen vor. In den Partituren steht die Handschrift Eislers. Dadurch, dass ich nur die Stimmen von Violine und Cello übernehme, entstehen akustische Leerräume, etwa wenn im Original die Klarinette spielt. Das findet ein Echo in den Wänden mit den großen Prints.

Warum zitieren Sie so gerne andere Werke?
Ich mag, dass sie schon ihre eigene Geschichte mitbringen. Aber ich setze sie in einen ganz neuen Kontext. Dadurch kann eine neue Wahrnehmung und Bedeutung entstehen.

Interview: Stefan Hochgesand

Foto: David von Becker

Susan Philipsz – Part File Score Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa 11–18 Uhr, 1.2.–4.5.

 

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