Ausstellungen

Tactics of Invisibility im Tanas

Tanas„Istanbuls wichtigster Vorposten“: So sieht Renй Block den Ausstellungsraum „TANAS“, einem Ableger seiner Galerie „Edition Block“ in Moabit. Der Raum wird von einer türkischen Stiftung finanziert und soll in erster Linie als Ausstellungsfläche für türkische Künstler dienen, die sich in ihrer Heimat oder im internationalen Kontext bereits einen Namen gemacht haben. TANAS ist ein Anagramm des türkischen Worts für Kunst: „Sanat“.

Was das konkret bedeuten kann, zeigt nun die Überblicksschau „Tactics of Invisibility“ (Taktiken der Unsichtbarkeit) anhand von Künstlern aus verschiedenen Generationen, darunter erfrischend viele Frauen. Daniela Zyman und Emre Baykal haben die Schau als Wanderausstellung kuratiert. Sie machte bereits im Palais Erdödy-Fürstenberg in Wien Station und wird im Anschluss an Berlin in Istanbuls Kunstinstitution „Arter“ zu sehen sein.  Wer bei einer türkischen Kunstschau an Folklore-Kitsch denkt, wird sich wundern. Die Künstler setzen sich auf äußert vielschichtige und anspielungsreiche Weise mit dem Thema Unsichtbarkeit in religiösen, politischen und kulturellen Zusammenhängen auseinander. Ayse Erkmen etwa erzählt von einer Romanze, von der man nicht genau weiß, ob sie jemals stattgefunden hat. Ihre Ton- und Lichtinstallation „Ghost“, besteht aus zwölf nackten Glühbirnen und von der Decke baumelnden Lautsprechern. Sie basiert auf einer vermuteten Liebesgeschichte zwischen der Gräfin Anna Maria Erdödy und Ludwig van Beethoven. Der Komponist verbrachte einige Monate ?in ihrem Palais und komponierte den Kanon „Glück, Glück im neuen Jahr“ (1808), den Erkmen für ihre Installation vierstimmig eingesungen hat.
Erkmen gehört zur älteren Generation türkischer Künstler, die in den achtziger Jahren mit der traditionellen Kunst brachen und deshalb lange unbeachtet blieben. Für Werke, die sich kritisch mit Multikulturalität, Geschlechterrollen, Religion, Identitätspolitik oder Migration beschäftigen, gab es jahrzehntelang keinen Markt in der Türkei. Auffallend viele türkische Künstler wählen daher noch heute zwei Wohnorte und pendeln zwischen Orient und Okzident hin und her. In Europa leben sie, hier werden künstlerische Mittel akquiriert, aber im Morgenland schlägt das künstlerische Herz.

Nach einer langen Phase der Isolation und des „Brain-Drain“ erfahren türkische Künstler erst seit den neunziger Jahren internationale Anerkennung. Dies geht vor allem auf das Engagement von Kuratoren wie Renй Block zurück, der vor zwanzig Jahren in der so genannten Peripherie des Westens auf Entdeckungsreise ging. Der Beuys-Galerist organisierte schon früh erste Überblicksausstellungen der türkischen Kunstszene in Deutschland und kuratierte 1995 die vierte Istanbul Biennale „Orient/ation“. Block unterstützt den Aufbau der in diesem Jahr gegründeten Kunstinstitution und Sammlung „Arter“ in Istanbul und will mit TANAS ein Schaufenster für türkische Kunst in Deutschland installieren: „Solange es in Istanbul keine Kunsthalle gibt, erfüllt TANAS von Berlin aus diese Funktion.“
Installation_c_VG_Bild_KunstEine staatliche Förderung für zeitgenössische Kunst fehlt bislang in der Türkei. Mittlerweile mischt aber eine junge, vermögende und interessierte Investorenschicht die Kunstszene auf. Durch die Öffnung zum internationalen Markt entwickelt sich vor allem in der Millionenstadt Istanbul eine vibrierende Kunst- und Kulturszene. Seit 1987 trägt auch die Istanbul Biennale dazu bei, ein lokales und internationales Netzwerk zu schaffen. Istanbul gilt als Brücke zwischen Europa und Orient. Die doppelte kulturelle Identität lassen viele türkische Künstler in ihre politisch engagierten, ästhetisch radikalen, aber auch humorvollen Kunstwerke einfließen. Dabei bringen sie neue Argumente in die zeitgenössische Debatte ein, wie die Ausstellung in Berlin eindrucksvoll belegt.
Auch bei Nilbar Güres, die in Wien und Istanbul lebt, geht es um Sichtbares und Verborgenes. Ihre Zeichnungen und Fotografien wirken zunächst heiter, entfalten aber bei längerer Betrachtung eine oft irritierende Wirkung. Das Triptychon „Balance Board“ aus der Foto-Serie „Unknown Sports 3“ behandelt die Lebenswelt der türkischen Frau zwischen Kochtopf und High Heels. Güres legt auf spielerische Weise repressive Mechanismen und Praktiken offen, die Frauen nach wie vor auf ihre Rolle festnageln. Die Künstlerin untersucht dabei, wie der häusliche Raum als Ort des Widerstands gesichert werden kann.

Die Arbeit „Harem“ von Inci Enviner, die in Istanbul lebt, befasst sich mit der Konstruktion von kultureller Identität. Die Videoprojektion verwendet als räumliche Matrize den Kupferstich „Voyage Pittoresque de Constantinople“ des Künstlers Anton Ignaz Melling (1763-1831), der auf verklärte Weise das Innere eines weitläufigen Stadtpalastes und deren Bewohner zeigt. Enviner entwickelt daraus eine faszinierende computeranimierte Puppenhauswelt und lässt verschiedene Akteurinnen erotische, absurde und unterschwellig gewalttätige Situationen spielen. Im Gegensatz zu den Tendenzen des „Orientalismus“, mit dem westliche Betrachter wie Melling den Osten klischeehaft exotisch darstellten, versucht Enviner ihr kulturelles Ich über rhetorische Figuren und Bilder zu erfassen.

Nasan Tur, der einzige in Deutschland geborene Künstler der Ausstellung, interessiert sich hingegen für die kulturelle Diaspora. Seine zehnteilige Video-Arbeit „Invisible“ zeigt Aufnahmen von zehn Moscheen und islamischen Kultureinrichtungen in verschiedenen deutschen Städten. Auffällig ist, dass sich ihre Eingänge alle unscheinbar in das Straßenbild einfügen. An erkennunsdienstliche Methoden erinnernd, werden die Videos auf Überwachungsmonitoren präsentiert. Auf eindrucksvolle Weise legt die Arbeit offen, wie sich fremde Kulturen im öffentlichen Stadtbild unsichtbar machen, um nicht anzuecken und keine Kontroversen auszulösen.
Auch Betstuben finden sich weltweit an Flughäfen, in Bürogebäuden oder Einkaufszentren und sind doch vorm öffentlichen Auge verborgen. Das Kunstkollektiv xurban_collective hat mit der Rauminstallation „The Sacred Evacuation“ eine Betstube nachgebaut. Das Kollektiv entblößt die auf Funktion reduzierten Räume, die zu einem Exil-Ort für Kultur und Glauben werden. In dem perfekten Nachbau irritiert das Künstlerkollektiv vor allem mit einem Detail: einer Wasserflasche in Form einer Handgranate.
Es lohnt sich also sehr, die türkische Kunstszene besser kennen zu lernen. Die gezeigten Arbeiten sind explosiv in ihrer Bedeutungskraft, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen. 

Text: Laila Niklaus
Fotos: Uwe Walter, VG Bild Kunst

TACTICS OF INVISIBILITY
im Tanas? Raum für zeitgenössische türkische Kunst, ?Heidestraße 50, Moabit,
Di-Sa 11-18 Uhr, bis 15.1.

 

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