Ausstellungen

Tage der offenen Ateliers in Pankow

Atelier_Prenz_PromeEs ist diese Spannung zwischen gewaltvoller Historie, harrendem Stillstand und brodelnder Aufbruchstimmung, die hier so fasziniert: Hinter einer von Graffiti vereinnahmten Mauer thront das achteckige DDR-Wachturmhäuschen auf seinem Zylinderturm mit Blick auf einen wild bewachsenen Platz. Das schmale Grundstück hat die Pette Immobilienentwicklung GmbH erworben, die auch Ende 2004 das Nachbarareal gekauft hatte, um einen Kreativstandort der Superlative zu entwickeln. „European Creative Center Weißensee“, kurz ECC.

1939 für die Raspe-Werke erbaut, nach dem Krieg kurzzeitiger Sitz der Kommandantur der Sowjetunion, Residenz der Staatssicherheit, vorübergehend Unterkunft des Finanzamts, stand das Hauptgebäude zehn Jahre leer. Heute arbeiten hier um die 350 internationale Künstlerinnen und Künstler, es gibt Theaterproberäume, Musikstudios und riesige Hallen, die als Ausstellungsräume genutzt werden können. Noch ist alles im Aufbau. Die Pläne fliegen hoch: Centre Pompidou, Spinnerei, Kulturbrauerei, Expo, Babelsberg … so etwas in der Art, aber eben anders soll es werden, erklärt Geschäftsführer Peer Pette. Bisher hätten sie 95 Prozent vermietet, es braucht eben alles seine Zeit.

Das riesige Atelierhaus wird sich an der vom Kunstamt Pankow ausgerichteten Veranstaltung p.art beteiligen. Mit offenen Ateliers, Führungen, Lesungen, Performances und Filmvorführungen präsentiert das Kunst­amt den kreativen Nährboden des Bezirks, die Basis, aus der Berlin den Ruf als führende Kunstmetropole speist. Es ist auch eine Botschaft an den Senat, die dezentrale Kulturförderung, die für Pankow in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte gekürzt wurde, nicht zu vernachlässigen. Ein wichtiger Aspekt sind Arbeitsplätze. Auch in Pankow geht der Trend in die Außenbezirke. Dabei hat sich gezeigt, dass die Form der Ate­liergemeinschaften und Künstlerhäuser mehr Chancen bietet, den Standort zu verteidigen. Eine solche „Künstler-Großhaltung“ wie beim ECC sieht Micha Koch von der ebenfalls an p.art teilnehmenden culturLAWINE, ein Stück weiter südwestlich vom Weißen See gelegen, eher skeptisch. Nicht dass der Bildhauer das Engagement für Atelierplätze nicht bewundernswert findet. Er selbst hat sich nach der Wende mit Kollegen in der Streustraße eingemietet, das Gebäude vorm Abriss gerettet und es als Wohn- und Atelierhaus hergerichtet.

Hier an der Peripherie zu Prenzlauer Berg hat sich die Mietsituation in den letzten Jahren dramatisch verändert. Doch die zehn Ateliers und vier Probenräume für Musiker im Kellergeschoss gehörten jetzt einem Verein. Nun heißt es, die Restschulden bei der Bank abzubezahlen und sich weiter über Wasser zu halten, so Koch, der sich sein großes Atelier zurzeit mit Philipp Ganzer, einem jungen Fotografen, Grafiker und Graffitikünstler, teilt. „Wir sind hier so ein bisschen entdecktes Land seit etwa zwei, drei Jahren“, stellt Koch fest. Nicht nur an den immer häufigeren Nachfragen nach Atelierplätzen auch aus Kreuzberg merke man das. Gegenüber habe sich gerade jemand ein riesiges Ateliergelände­ erschlossen, um die Ecke hat die Gießerei Flierl eine große Werkstatt mit Ausstellungsraum, nachdem es auf dem Hinterhof in Prenzlauer Berg zu eng und teuer geworden war. Die Ateliers im Umkreis häufen sich. 13 Künstlerhäuser beteiligen sich neben zahlreichen Einzelateliers an p.art, davon sind fünf in Weißensee.

Mit der Bezirksfusion wurde Pankow mit seinen 13 Ortsteilen zum bevölkerungsreichsten Berliner Bezirk. Die Beliebtheit des mittig gelegenen Prenzlauer Berg ist bekannt, aber selbst im Ortsteil Pankow ist fast die Hälfte der Gebietsbewohner erst in den vergangenen fünf Jahren zugezogen. Auch hier werden alte Fabrikgebäude in teure Lofts umgebaut, so die ehemalige Schult­heiss-Mälzerei, die Zigarettenfabrik Garbбty oder der ehemalige VEB Elektrokeramik. Als die Künstlerin Anna Brinkmann (Foto) vor anderthalb Jahren ins Atelierhaus an der Prenzlauer Promenade 149 zog, war noch nicht das ganze Gebäude, ein hässlicher Plattenbau, ehemals Schulgebäude, neu erschlossen. Inzwischen haben dort um die 70 Künstlerinnen und Künstler ihr Atelier, von denen ein Drittel bei p.art teilnimmt. „Ich mag diese Ästhetik hier total“, schwärmt Brinkmann. Mit Stuck an der Decke könnte sie nicht arbeiten. „Und Kneipen nebenan, das wäre mir zu viel, ich wäre zu abgelenkt.“ Kollege Fabian Seyd (Foto) wohnt wie Brinkmann in Prenzlauer Berg und kennt die Fülle. „Das Ödland hier ringsum bemerke ich beim Arbeiten nicht. Ich brauche nicht mehr. Vor allem nicht mit der Befürchtung, dafür muss ich auch mehr bezahlen.“ Sechs Jahre gibt es das Atelierhaus schon, und beide hoffen, dass es noch ein Weilchen existiert …

An der Südseite des ehemaligen Brauereiverladehofes auf dem Pfefferberg ist der Künstlerverein Meinblau im Haus 5 zu Hause. Im Keller, einem acht Meter hohen Gewölbe, standen beim Einzug noch die Gärbottiche. Seit 1997 haben sich hier Künstlerinnen und Künstler ihre Ateliers eingerichtet und konnten sich ihre kleine Bastion mit 14 Atelierplätzen erkämpfen. Die Stiftung Pfefferberg fördert den Verein mit einer Mietsubvention, der Standort scheint also gesichert. Sie hätten hier keine Fluktuation, erklärt Andreas Lauber, Koordinator im Meinblau, beim Rundgang. Im Erdgeschoss bereitet sich ein Möbeldesigner bereits auf die Präsentation seiner Entwürfe zum Tag der offenen Ateliers vor. Wenn hier etwas stattfindet, ist das Mitte- und Prenzlauer-Berg-Publikum sicher. „Das ist natürlich anders als draußen in Weißensee“, sagt Lauber. Die prominenten Nachbarn aus den Galerien Mikael Andersen und Akira Ikeda, dem Aedes Architekturforum und dem Olafur-Eliasson-Studio kommen auch ab und zu vorbei, um zu gucken. „Die spielen natürlich in einer anderen Liga“, bemerkt Lauber, „aber bei uns ist vieles möglich, was dort nicht geht, gerade auch unser Programm zur Förderung junger Künstler oder Absolventen, die ihre ersten Ausstellungen haben.“

Text: Constanze Suhr

Foto: Harry Schnittger

p.art 2011 Berlin Tage der offenen Ateliers in Pankow mit kostenlosen Führungen, Sa 26.11., 13–20 Uhr, So 27.11., 13–18 Uhr; www.berlin.de/ba-pankow/kunstundkultur/p_art.html

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