Ausstellungen

„Takehito Koganezawa: Luftlinien“ im Haus am Waldsee

takehito_koganezawa_ausstellungsansicht_c_Bernd_BorchardtDas singende Glas – dieser durchdringende Ton, der entsteht, wenn man mit dem angefeuchteten Finger gleichmäßig über dessen Rand gleitet, dominiert den ersten Ausstellungsraum. In seiner erstarrten Unendlichkeit bekommt er etwas Überirdisches. Der Eindruck verstärkt sich mit den piepsenden Linien, die sich über die danebenstehenden Monitore ziehen. Wie die Lebenszeichen von Apparaturen einer Intensivstation. Dazu eine fast greifbare Stille im Nebenraum, wo sich auf dem Display schnelle, spontane Pinselstriche überlagern, zu einem Dickicht anhäufen, unter dem unsteten Lauf der Linien verschwinden. Takehito Koganezawas „Luftlinien“ haben etwas sehr Kontemplatives, obwohl so viel Leichtigkeit und oft auch Humor darin steckt. Wer sich von den tickenden Linien, den stillen Strichen und dem kreisenden Singsang bereits zum Nachdenken über Leben und Tod anregen ließ, könnte sich beim Betreten des nächsten, größten Raumes fast einbilden, ins Jenseits zu gelangen.

Die farbigen, zuckenden Lichtreflexe umschweben, umkreisen die Besucher wie eine quälende Fragestellung. Doch deren Herkunft scheint fast banal: Es ist die pralle, pulsierende Großstadtbeleuchtung, die der Künstler auf einer nächtlichen Autofahrt durch Tokio mit der Handkamera eingefangen hat. Überbordende Lebenszeichen und Leere, der Fluss der Zeit oder die relative Wahrnehmung von Zeit, die Flüchtigkeit des Seins, das sind immer wieder herausscheinende Themen bei Koganezawa. Wie in seiner Videoprojektion „Dust“ buchstäblich, so wird das Staubkörnchen in seinen Arbeiten zum Universum. Und dann diese wunderbaren kleinen farbigen Zeichnungen in den oberen Ausstellungsräumen – verspielt, beliebig und akkurat geplant zugleich, führen sie in eine Welt voller Widersprüche mit eigenen, geheimnisvollen Gesetzen.

Text: Constanze Suhr

Foto: Bernd Borchardt

tip-Bewertung: Sehenswert

Takehito Koganezawa: Luftlinien Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di–So 11–18 Uhr, bis 20.5.

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