Ausstellungen

„Tamara Kvesitadze: Red“ in der Galerie Kornfeld

Installationsansicht_LOWRESEin Schock, wenn man nach drei oder vier Sekunden merkt, dass es die zwei Meter wuchtige Kugel in sich hat: Hier sind keine ruhenden Theater- oder Totenmasken in Marmor gehauen, nein – eine feine Apparatur im Inneren bewegt die Silikonmasken auf der Kugel-Oberfläche. Komödiantisch-freudige Minen verziehen sich dadurch zusehends ins Tragisch-Traurige, bis sich die Metamorphose dann wieder umkehrt. Es handelt sich immer um das gleiche Gesicht, doch die Bewegungen sind zeitlich versetzt. Die Köpfe überlagern sich unheimlich. Man ahnt, dass alle Facetten des gleichen Gesichts letztlich verbunden werden durch die Motoren, die selbst fortwährend in Bewegung sind: „Alles fließt“, wie Heraklit es schreibt. Tamara Kvesitadze, die 2011 den Pavillon ihrer Heimat Georgien auf der Biennale in Venedig bespielt hat, ist fasziniert von Bewegung, von der Antike und von Ambivalenzen.

Damit arbeitet sie sich nicht zuletzt an der Tradition ihres Landes ab, das seit dem dritten vorchristlichen Jahrhundert im Bannkreis der griechischen Sagenwelt eine reiche Theaterkultur kennt. Und dessen polyphone Musik weltweit ohnegleichen ist – so vieldeutig wie der Titel der Ausstellung „Red“: Rot steht hier für Liebe, Kraft, Feuer, vieles mehr. Auch die Skulptur „Man und Woman“ lässt offen, ob sich die beiden Figuren hier tatsächlich für eine halbe Sekunde durchdringen oder ob sie sich regelrecht verpassen und einander entgleiten. Kvesitadzes Aquarelle und aquarellhaften Acrylbilder mit Treibholz bergen Rätsel darüber, wie Menschen zueinander stehen, nicht zuletzt auch zu sich selbst. Die titelgebende Skulptur „Red“ treibt es blutrot auf die Spitze – indem sie sich erdolcht.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Courtesy Galerie Kornfeld

tip-Bewertung: Sehenswert

Tamara Kvesitadze: Red Galerie Kornfeld, Fasanenstraße 26, Charlottenburg, Di–So 11–18 Uhr, bis 10.8. 

WEITERLESEN:

„Realität und Fiktion“ in der Villa Schöningen   

„Tempo Tempo!“ im Museum für Kommunikation 

„Wir sind hier nicht zum Spaß“ im Kunstraum Kreuzberg  

„Agoraphobia“ im Kunsthaus Tanas    .

Tobias Zielony über seine Ausstellung „Jenny Jenny“ in der Berlinischen Galerie

 

Mehr über Cookies erfahren