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Tape-Art auf den Straßen von Berlin

TapeartKommt man bei Tageslicht aus dem Club oder läuft über eine der Berliner Partymeilen, stößt man immer häufiger auf ungewöhnliche Markierungen. Auf dem Boden sind Areale gekennzeichnet mit einem gelben ­Klebeband, auf dem das Logo Berlin Tourismus und beispielsweise der Aufschrift „Piss Area Do not cross“ stehen. Vor dem Technoclub Berghain lassen sich auch „Vomit“- und „Sleep“-­Areas entdecken. Eine Hommage des Künstlers Mr. Talion an ein altbekanntes Phänomen: Man läuft die Straße entlang und ein beißender Geruch steigt in die Nase. Nicht immer ist die Quelle auszumachen, doch dank der Markierungen fällt das Lokalisieren definitiv einfacher. Eine humorvolle Kritik an der oft recht hemmungslosen Partymeute Berlins.

TapeartMr. Talion ist jedoch nicht der Einzige, auf den Klebeband und Asphalt eine magische An­ziehungskraft ausüben. So hat der selbsternannte Tapist (vom englischen „tape“ – Klebeband) Daniel Wenk mit seiner Aktion, Schlaglöcher im Friedrichshain mit Klebeband auszubessern, viel Aufmerksamkeit erregt. Auch hier geht offensichtlich Kritik mit Ironie zusammen.

Einer der bekanntesten Vertreter dürfte wohl der Künstler Brad Downey sein. Tape-Art ist durch sein Video, in dem er am hellichten Tage Klebeband an verschiedenen Objekten anheftet, mit einer selbstdrehenden Littfaßsäule verbindet und es ab da an seiner eigenen Dynamik überlässt, in aller Munde. Im ­Gegensatz zu den sehr direkten und kritischen Aktionen Mr. ­Talions und Daniel Wenks steht hier ­jedoch eher eine ästhetische Motivation im Vordergrund.
Nachdem bereits Künstler wie „East Eric“ mit seiner Fahrrad-Stempelkissen-Kombination, die eine Spur aus gestempelten Ameisen hinterließ, den Asphalt erobert haben und Street-Art ­sowieso bereits die Wände der Stadt eingenommen hat, war es nicht die Frage, ob, sondern wohin die Entwicklung fortschreitet. Und während das Abkleben von Dingen eines Malers tägliche Arbeit ist, wird Klebeband im künstlerischen Gebrauch einer wesentlich individuelleren ­Nutzung zugeführt. Tape-Art als noch junge Sparte der Street-Art erobert nicht nur die Wände, nein, auch den Boden auf dem wir gehen und scheinbar ge­legentlich auch schlafen. Und eine ironische Botschaft transportiert das Klebeband auch noch. Da heißt es Augen offen halten nach eventuell auftauchenden ­„Mother Area – Do not cross if childless“-Absperrungen im Prenzlauer Berg.    

Text/Fotos: Josef Dube

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