Ausstellungen

Taryn Simon in der Neuen Nationalgalerie

Taryn_SimonEines Tages ging Shivdutt Yadav aus dem indischen Uttar Pradesh zum örtlichen Grundbuchamt und musste feststellen, dass die Behörden ihn für tot erklärt hatten. Sein Landbesitz war von korrupten Beamten an andere Erben seines Vaters übertragen worden. Bis heute kämpft Yadav darum, dass die  „Todeserklärung“ aus den Akten gelöscht wird.

Diese Begebenheit ist Teil der Arbeit und Titelgeber der Ausstellung „Ein lebendiger Mann für tot erklärt, und andere Kapitel“ der Fotokünstlerin Taryn Simon in der Neuen Nationalgalerie. Der 1975 in New York geborenen Künstlerin gelang der internationale Durchbruch mit der Porträtreihe „Die Unschuldigen“ (2003), in der sie wegen Gewaltdelikten irrtümlich Verurteilte am vermeintlichen Tatort ablichtete. Die Fotografin ist mit ihren Werken seitdem in so renommierten Sammlungen wie dem MoMA in New York, der Tate Modern in London und dem Centre Pompidou in Paris vertreten.

In ihrem aktuellen Werkkomplex stellt die Fotografin 18 ungewöhnliche Lebensgeschichten vor und entwirft eine Art Saga der condition humaine, in der sie Themen aus Politik, Gesellschaft und Zeitgeschichte aufgreift. Die Kapitel berichten von Familien, die Opfer von Blutrache in Brasilien oder dem Genozid in Bosnien wurden, bis zum Top-Nazi Hans Frank und seinen Verwandten. Simon fotografierte nacheinander ihre Protagonisten und deren Anverwandte vor einer weißen Leinwand in quasi dokumentarischer Weise. Den Einzelporträts im nüchternen Polizeifoto-Stil zur Seite gestellt sind die von Simon verfassten Hintergrundgeschichten. So entsteht sozusagen ein Stammbaum, in dem sowohl die Familiengeschichte als auch die gesellschaftlichen Einflüsse deutlich werden.

Ein ganz unfreiwilliges Familienmitglied des Clans von Saddam Hussein wurde Latif Yahia, dem seine auffallende Ähnlichkeit mit dem Sohn Udai Hussein zum Verhängnis wurde. Für die aufgezwungene Doppelgängerrolle musste Yahia sich auf Befehl des Regimes sogar Gebiss und Kinn in einem Bagdader Krankenhaus richten lassen. Mit dem Ende des Golfkriegs 1991 wurde das Double entlassen und dann wochenlang eingesperrt und gefoltert – angeblich weil Yahia ein Auge auf eine von Udais Ex-Freundinnen geworfen hatte.

Derart absurde wie grausame Schicksale recherchierte die Künstlerin in den letzten vier Jahren akribisch und reiste, von einem privaten Sammler finanziert, durch die Welt. In Tansania wurde Simons Ausrüstung beschlagnahmt, weil sie dokumentieren wollte, wie Wunderheiler menschliche Albinos töten. Simons Bildserien kreisen letztlich oft um Grundthemen der Menschlichkeit. Die Geschichtenerzählerin der etwas anderen Art macht Opfer unterschiedlichster Verbrechen, Missstände und Gräueltaten sichtbar und gibt ihnen damit ein Stück ihrer Würde zurück.

Text: Laila Niklaus

Foto: Taryn Simon/Gagosian Gallery

Taryn Simon – A Living Man Declared Dead and Other Chapters I–XVIII Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, Tiergarten, Di–So 10–18 Uhr, Do 10–22 Uhr, 22.9.2011-1.1.2012

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