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Teil 2: Joanna Warsza und Artur Zmijewski im Gespräch

Zmijewski_Warsza_c_david_von_beckerSoll Kunst etwas real auslösen?  
Warsza: Kunst sollte die Möglichkeit haben, performativ und gleichzeitig subversiv zu sein. Kunst sollte dazu beitragen, die öffentliche Wahrnehmung zu retextualisieren, sie könnte als ein Reservoir für politisches Denken fungieren. Kunst hat die Kapazität, Abkürzungen zu schaffen und sich mit Problemen und sozialen Angelegenheiten schneller oder direkter zu befassen, als es in Verhandlungen möglich ist.

Ist es Ihr Ziel, die Kunst stärker ins reale Leben reinzubringen?  
Zmijewski: Da ist doch schon ein Missverständnis in der Frage. Da ist das reale Leben. Sollen wir in die Ausstellungsräume gehen, und Sie zeigen uns dort, wo kein reales Leben existiert? Wenn Sie das können … bitte!

Das ist unmöglich, und das wissen Sie auch.
Zmijewski: Sie können das nicht machen, weil es keine Grenze zwischen Leben und Kunst gibt. Unsere Künstler beschäftigen sich mit Themen, die Sie in der Zeitung lesen können. Diese Grenze ist eine Illusion. Es gibt keine Distanz zur Gesellschaft – Kunst ist innerhalb von ihr.
Warsza: Wir lehnen die Dichotomie von unecht und real ab. Wir führen Projekte durch, die möglicherweise einen realen Effekt haben können und nicht nur in selbstreferenzieller Kritik stecken bleiben. Beispielsweise bringen wir diesen riesigen Schlüssel aus einem palästinensischen Flüchtlingslager nach Berlin. Er ist eine soziale Skulptur. Es ist nicht ein Künstler, der die Geschichte dieses Camps erzählt, die Skulptur ist der kollektive Ausdruck eines gewaltlosen Kampfes.

Wird das eine Biennale der Diskussionen?
Zmijewski: Die diskursive Sprache ist die Sprache der Kunst. Und die visuelle Sprache ist auch diskursiv.
Warsza: Sie wird sehr praxis­orientiert. Wie Brecht sagte: Die Wahrheit ist konkret.

Neben der Recherche vor Ort haben Sie auch einen Open Call gestartet, 5?000 Künstler haben sich gemeldet. Für diese wollen Sie nun die Plattform ArtWiki machen.
Warsza: Bei 200 Portfolios hätte man eine Auswahl treffen können. Aber bei 5?000 muss man seine kuratorische Rolle als eine Art Polizist hinterfragen, der sagt: Das, das und das.

In diesem Open Call haben Sie die Künstler gefragt, welche politische Überzeugung sie haben.
Zmijewski: Die Frage zielt darauf, sich selber in politischen Kategorien zu definieren. Die meisten haben den Begriff links gewählt, viele haben aber auch ihre eigenen Definitionen formuliert.

Mein erster Gedanke bei der Frage nach der politischen Gesinnung war: Das erinnert mich an totalitäre Staaten.
Zmijewski: Warum? Ist die politische Überzeugung geheim?

Eher, weil ein Kurator sich in einer Machtposition befindet und entscheidet, ob ein Künstler bei der Biennale mitmachen darf oder nicht. Fast wie ein Zensor. Gesinnungsprüfungen dienen dazu, dem Staat nicht genehme Meinungen oder Menschen auszusortieren.
Warsza: Ein Künstler, der sich für diese Biennale bewirbt, sollte das Profil der Biennale kennen und wissen, wer sie kuratiert. Wir dürfen also annehmen, dass dieser Künstler sich für Politik interessiert. Wir sind schließlich nicht irgendeine Organisation, die Stipendien vergibt. Wir denken, Künstler sein bedeutet auch, Teil eines größeren Systems zu sein.

Wollen Sie mit Ihren Projekten für die Biennale vor allem mentale Grenzen austesten?
Warsza: Wenn man einen Künstler wie Artur als Kurator einlädt, kann man nicht erwarten, dass er auf einmal zum überfreundlichen Kuratieren neigt und lauter Ate­lierbesuche absolviert. Sehen Sie sich Arturs Arbeiten an, viele von ihnen sind unfair und bösartig, aber sie produzieren etwas, das sehr interessant und aufschlussreich ist. Ja, wir haben einige Leute verärgert, viele von ihnen in dieser Stadt, aber um etwas zu erreichen, mussten wir diesen Weg gehen.

Biennale_BB7_Logo_SWSymbol dieser Biennale ist eine Rune, auch das ist ziemlich provokativ.
Zmijewski: Woher wissen Sie, dass es eine Rune ist?

Aus ästhetischer Erfahrung.
Zmijewski: Das ist nicht wirklich eine Rune. Es ist 7 B B (malt das auf) vom Designer Mario Lombardo, auseinandergeschnitten und neu zusammengesetzt.
Warsza: Natürlich ist es legitim, darin eine Rune zu sehen. Aber wir bemerken auch, dass es in Deutschland dazu nur diese eine Interpretationslinie gibt. Wir wollten ein Design, das wirkt, und wir sehen: Es wirkt. Vielleicht interessiert es unsere Besucher ja, herauszufinden, dass all die Elemente in dem Design von zeitgenössischen Machtsymbolen stammen wie der Gazprom-Schrift, dem Euro-Zeichen und dem Dollar. Diese Zeichen findet man auf Münzen oder anderen Alltagsdingen. Sie stammen nicht direkt aus den 30er-Jahren.

Trotzdem wird meine Assoziation gezielt aufs Dritte Reich gelenkt. Und ich finde es gut, wenn die Leute kryptofaschistische Symbole ablehnen.
Zmijewski: Natürlich können Sie solche Assoziationen haben. Was uns das Design von Mario Lombardo zeigt, ist die Präsenz von Ideologie in unserer transparenten, scheinbar nichtideologischen Wirklichkeit. Sie wird sichtbar, wenn sie verdichtet wird, wenn sie von einem Künstler in ein anderes Symbol transformiert wird. Dann können wir die ideologischen Komponenten sehen, die uns umgeben.
Warsza: Es ist beeindruckend, wie gut die sogenannte Umerziehung und Denazifizierung in Deutschland gewirkt hat. Im Vergleich zu anderen Ländern – Österreich ist ein gutes Beispiel –, sind fast alle sehr sensibel bei dem Thema, und rechtsextreme Parteien sind nahezu inexistent. Aber man fragt sich in dieser Situation: Geht der Dogmatismus der Umerziehung nicht zu weit? Es kommt der Moment, in dem statt des kritischen Denkens nur ein Reflex da ist. Es wäre großartig, wenn die 7. Berlin Biennale zu solch einer Erkenntnis beitragen würde.

Interview: Stefanie Dörre

Foto: David von Becker

Mit Artur Zmijewski, 1966 in Warschau geboren, wurde ein Künstler zum Chefkurator berufen, der in Aktionen und Filmen vor allem soziale und politische Themen angeht, oft radikal. Sein Kurzfilm „Berek“, der nackte Menschen beim Fangenspielen in einer Gaskammer zeigt, wurde letzten Oktober aus der Ausstellung „Tür an Tür. Polen – Deutschland“ im Martin-Gropius-Bau entfernt. Joanna Warsza, Jahrgang 1976, hat ihren ersten Abschluss an der Warschauer Akademie für Theater gemacht. Als Kuratorin arbeitet sie an der Schwelle von darstellender und bildender Kunst, ihre Projekte untersuchen soziale und politische Fragestellungen.

7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst 27.4.–1.7., Di–So 12–20 Uhr, Eintritt frei

Die Biennale bespielt verschiedene Orte in Berlin, auch den öffentlichen Raum. Zentral sind: KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, Mitte; Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Mitte; Deutschlandhaus, Stresemannstraße 90, Kreuzberg;
St.-Elisabeth-Kirche, Invalidenstraße 3, Mitte

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