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Teil 2: Stefan Weppelmann über „Gesichter der Renaissance“

Leonardo_1_c_bpk-_Scalatip: Wie viele Werke kommen aus aller Welt und wie viele sind Berliner?

Stefan Weppelmann: Rund 40 Gemälde, Büsten, Medaillen und Zeichnungen gehören den Staatlichen Museen zu Berlin. Allen voran die Tafelbilder der Gemäldegalerie, die die Ausstellung veranstaltet, aber auch Skulpturen aus der Sammlung im Bode-Museum. Ansonsten kommen etwas über 100 Objekte von 52 Leihgebern.  

tip: Die Forschung hat herausgefunden, dass zwischen den Kunstzentren Florenz und Venedig große Unterschiede bestanden.

Stefan Weppelmann: Florenz war eine Kommune, die seit dem späten Trecento durch die Medici kontrolliert wurde. Sie festigten noch im 15. Jahrhundert ihre Macht und prägten einen regelrechten Porträtkult um ihre Familienangehörigen. Vor allem Giuliano de’ Medici und Lorenzo sind oft dargestellt. Außerdem war die machtbewusste Verbindung einflussreicher Familien in Florenz äußerst wichtig. Die Geschlechter zelebrierten die Heirat ihrer Töchter in aufwendigen Porträts, die deren tugendhafte Schönheit in Szene setzen. Schließlich kam es in Florenz relativ früh – um 1450 – zu monumentalen Bildnisbüsten. Auch die höfische Porträtkunst, die sich an antiken Münzen für ihre Medaillenbildnisse inspirierte, wurde im Florenz der Medici rezipiert.

tip: Und Venedig?

Stefan Weppelmann: Venedig dagegen war eine Republik, der der Doge vorstand. Einzelne Familien hatten vor allem Interesse, wichtige politische Ämter zu übernehmen. Wenn dies geschah, hielt man das Ereignis im Porträt fest. Hier kam es also zur Darstellung junger Patriziersöhne. Es ist kein einziges weibliches Profilbildnis einer „schönen“ Venezianerin erhalten. Auch die Marmorbüsten treten in Venedig Jahrzehnte später auf, und eine eigene Medaillenkunst kennt die Lagunenstadt gar nicht: Das höfische Vokabular suchte man hier gerade nicht.

tip: Meistens weiß man nicht, wer auf den Renaissance-Porträts dargestellt ist. Wieso?

Stefan Weppelmann: Diese Werke sind vor sechs Jahrhunderten entstanden. Häufig sind die Anlässe und Aufgaben für Porträts nicht klar, und so fällt es schwer, die Dargestellten zu identifizieren. In den wenigsten Fällen helfen Inschriften oder gar Archivalien weiter. Immer jedoch lässt sich eine topografische Zugehörigkeit festlegen und in der Regel auch die Entstehungszeit. Nur in wenigen Fällen ist die künstlerische Autorschaft unklar. Insofern weiß man schon eine ganze Menge.

tip: Kann man sagen, dass die Geburt des Porträts mit einer Art freudschem Interesse am Menschen verbunden ist?

Stefan Weppelmann: Das würde ich so eher nicht sagen. Porträts entstehen im 15. Jahrhundert sicher auch, weil das Individuum, seine Erscheinung und Persönlichkeit in den Vordergrund tritt und bildwürdig wird. Klar, dass es hier auch um die Erfassung der Psyche geht und um die Inszenierung von Persönlichkeit. Dennoch folgt die Entstehung der Porträtkunst eher praktischen und nützlichen Kriterien: Am italienischen Adelshof versucht der Signore seine Macht und seine Dynastie im Porträt zu festigen und zu legitimieren. Gleichzeitig geht es darum, die eigene Bildung zu promoten, indem Porträts allegorische Inhalte codieren: Dies gilt vor allem für Medaillen. Bildnisse dienten zu einem großen Teil als Objekte der Erinnerung – die abwesenden Toten sollten präsent sein. Schließlich markieren Porträts jede Art von sozialem wie politischem Event, Eheschließungen, Geburt, Tod, Erlangung von Amt und Würden. Das Bildnis wird um 1420 zum sozialen Gedächtnis der Gesellschaft.

Interview: Andrea Hilgenstock

Foto Weppelmann: Harry Schnittger

Bild: Leonardos Porträt der Cecilia Gallerani/bpk/Scala  

Gesichter der Renaissance
Bode-Museum, Am Kupfergraben 1, Mitte, Mo–So 10–18 Uhr, Do 10–22 Uhr, Do 25.8.–So 20.11., www.smb.museum/gesichter.
Zur Ausstellung gibt es eine App, gratis im App-Store

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