Ausstellungen

Teil 2: Udo Kittelmann über die Berlin Art Week

Udo_Kittelmann_c_Harry_SchnittgerWas bringt die Fortbildung zum Kurator?
Die ersten Kuratoren-Workshops entstanden schon Ende der 90er-Jahre. Ich glaube aber nicht, dass es eine generelle Methodik für das Kuratieren gibt. Jeder muss ein individuelles methodisches Denken über seine Aufgabe als Kurator entwickeln.

Sie haben nach dem Abitur eine Ausbildung als Augenoptiker gemacht.
Ja, das ist ja bereits seit einem Vierteljahrhundert bekannt.

Trotzdem, es ist auffällig, dass einige der erfolgreichsten Kuratoren keinen klassischen Ausbildungsweg durchlaufen haben. Mussten sie sich so zwangsläufig eine ganz eigenständige Position erarbeiten?
Ja, ich glaube schon. Ein mediales Interesse an Kuratoren gab es überhaupt noch nicht. Wir haben Ausstellungen gemacht, weil wir Lust dazu hatten, uns mit Künstlern auseinanderzusetzen.

Sie gelten als exzellenter Vermittler zwischen zeitgenössischer Kunst und Publikum. Erfüllen Sie einen Bildungsauftrag?
Na klar! Ich glaube fest daran: Je kultureller ein Mensch gebildet ist, desto abstrakter vermag er auch in komplexen Zusammenhängen zu denken. Zu meinen Aufgaben gehört es, eine Übersetzung des künstlerischen Werkes zu finden hin zum Publikum.

Aktuell bekommt die zeitgenössische Kunst sehr viel Aufmerksamkeit, aber auch die Antike, beispielsweise die Pergamon-Schau mit dem Panorama in der Rotunde als populärem Zusatz. Die Gemäldegalerie hingegen ist nicht so gut besucht. Verliert die klassische kunsthistorische Bildung an Attraktivität?
Der Aufmerksamkeitswert von kulturellen Erscheinungen ist nie festgeschrieben, er ist auch immer zeitabhängig. Wenn die Gemäldegalerie weniger für ein Publikum attraktiv erscheint, dann kann es nicht an der Sammlung liegen, das steht außer Frage. Aber es mag an dem Ort liegen. Die Museumsinsel hingegen bringt die höchste Attraktion für Menschen, die nach Berlin reisen, davon profitieren dort alle Häuser.

Sprechen wir über einen möglichen Umzug der Gemäldegalerie auf die Museumsinsel und einen Einzug der Kunst des 20. Jahrhunderts in das dann leer werdende Haus am Kulturforum. Kann eine Sammlung der Moderne die Leute an diesen eher unattraktiven Ort locken?
Ein Museum des 20. Jahrhunderts ist eine längst überfällige Notwendigkeit für Berlin. Und ich glaube, dass die Klassische Moderne, wie auch die gesamte Kunst des 20. Jahrhunderts, mit ihrer Zerrissenheit in der am Kulturforum gegebenen Architekturcollage eine bessere Entsprechung finden und über ganz andere Möglichkeiten verfügen wird, weil sie noch im Werden ist.

Sie sind ein Verfechter dieses Umzugs. Dann hätte Ihr Haus, die Neue Nationalgalerie, endlich die Möglichkeit, wichtige Teile der Sammlung zu zeigen, die im Moment im Depot sind.
Der Umzug ist nicht nur für die Nationalgalerie ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung. Beide Sammlungen, also auch die der Gemäldegalerie, werden von dieser Lösung in einem großen Maße profitieren.

Sie hätten dann ein Haus mehr.
Ja, dann wären es sieben, aber darum geht es nicht. Am Anfang des 21. Jahrhunderts hier noch einmal ein Museum des 20. Jahrhunderts zu etablieren, das wäre eine Traumaufgabe. Ich habe es immer als unerträglich empfunden, dass man nach Berlin kommt und nicht die Chance hat, zuverlässig die großen Werke des 20. Jahrhunderts zu sehen, die es in der Sammlung gibt.

Werden Sie den Umzug in Ihrer Amtszeit erleben?
Ja, ich hoffe doch sehr. Die Staatlichen Museen zu Berlin sind innerhalb von 20 Jahren sehr weit gekommen, da kann man nicht einen weiteren, so wichtigen Schritt in irgendeine ferne Zukunft verschieben. Das geht sicherlich nicht.

Sie haben den vielleicht berühmtesten deutschen Künstler der Gegenwart mit der Ausstellung zu seinem 80. Geburtstag nach Berlin geholt, Gerhard Richter. Er ist eigentlich der Kunstszene des Rheinlands verbunden. Wie ist Ihnen das gelungen?
Gerhard Richter ist in den letzten Jahren in größeren Ausstellungen präsent gewesen, gerade auch im Rheinland. In dem Moment jedoch, als klar wurde, dass die Ausstellung einen retrospektiveren Charakter bekommen würde und London Interesse hatte wie auch Paris, lag nahe, dass London, Berlin, Paris diese Ausstellung zusammen machen. Dazu kommt, dass Gerhard Richter schon einmal einen Auftritt in der Neuen Nationalgalerie hatte, 1986. Eine große Ausstellung, die seitens des Publikums im Übrigen kein großes Interesse gefunden hat. Daran kann man sehen, dass es kein unbedingtes Kriterium für gute Kunst ist, wie viele Menschen zu einer Ausstellung kommen. Ich war wahnsinnig froh, mit Gerhard Richter zu arbeiten, weil ich das schon lange vorhatte.

Gerhard Richter ist auf dem Kunstmarkt sehr präsent. Generell gilt: Wenn Sie die Werke eines Künstlers ins Museum holen, erhöht sich sofort sein Marktwert.
Ja. Das steht außer Frage.

Gibt es Begehrlichkeiten von Seiten des Kunstmarkts an Sie als Museumsdirektor?
Wir bekommen jede Woche viele Zuschriften. Es ist ja auch die Aufgabe einer Galerie, dafür zu sorgen, dass ihre Künstler in Ausstellungen präsentiert oder in Museumssammlungen aufgenommen werden. Aber die Entscheidungen liegen doch immer ganz ohne Zweifel bei den Museen.

Lassen Sie uns noch ein bisschen in Ihre Arbeit Einblick nehmen. Es gibt unglaublich viele Künstler. Wie kommen Sie dahin, diejenigen auszuwählen, denen Sie letztendlich einen großen Auftritt ermöglichen?
Es sind immer zwei Dinge. Irgendwo hängen sie vielleicht zusammen, aber zunächst kann man sie unabhängig voneinander betrachten. Sprechen wir erst einmal über Erwerbungen. Jede Erwerbung, die wir tätigen, geht immer mit der Frage einher: Wie sinnvoll ist das Werk eines Künstlers für die gesamte Sammlung? Das kann dazu führen, dass Arbeiten eines ganz fantastischen Künstlers nicht gekauft werden, denn sie machen in dieser spezifischen Sammlung keinen Sinn. Das zweite sind Ausstellungsprojekte – und auch da gibt es nicht die eine Antwort. Ein Maßstab ist sicher, wie sehr man davon überzeugt ist, dass dieser Künstler an einem langfristigen Werk arbeitet. Und es gibt, das erscheint mir als ebenso wichtig, Künstler, die in einem gewissen Moment einen entscheidenden Beitrag zum Diskurs in der Kunstwelt beitragen. Es geht nie darum, einen persönlichen Geschmack darzustellen, davor muss man sich als Museumsdirektor hüten. Es geht darum, Wissen zu vermitteln. Der öffentliche Auftrag eines Museums besteht unter anderem darin, dem Publikum ein breites Panorama der jeweiligen künstlerischen Prozesse zu zeigen.

Heißt das, Sie sind in anderen Städten viel in Galerien unterwegs?
Nein, so soll man sich das bitte nicht vorstellen. Sicherlich reise ich weniger als einige andere Kollegen, die über einen Vielfliegerstatus verfügen. Die programmatischen Entscheidungen werden dann doch meistens vor Ort in einem gemeinsamen, oft auch kritischen Prozess mit meinen Mitarbeitern getroffen.

Sie reisen erst dann, wenn Sie einen speziellen Künstler ins Auge gefasst haben?
Natürlich reise ich auch schon mal vorher. Aber ich kann nicht zu allen Biennalen dieser Welt fahren. Ich habe ja ein ziemlich breites Spektrum an Aufgaben zu erledigen.

Man stellt es sich als einen anstrengenden Job vor. Trotzdem die Frage: Was ist eigentlich so sexy an zeitgenössischer Kunst?
Wissen Sie, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Kunst empfinde ich im Allgemeinen als sehr anregend und aufregend. Sie hält meine Denkprozesse ziemlich wach.

Interview: Stefanie Dörre

Foto: Harry Schnittger

Berlin Art Week 11.-16.9; Das Programm finden Sie im tip-Booklet und unter www.berlin­artweek.de

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KUNSTKENNER GEBEN PERSÖNLICHE EMPFEHLUNGEN FÜR KUNSTLIEBHABER 

Mehr zur BERLIN ART WEEK  und zum KUNSTHERBST IN BERLIN finden Sie in tip 20/2012 ab Seite 24 

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