Transmediale 2020

„The Eternal Network“ im Haus der Kulturen der Welt

Am Abend des 28. Januar eröffnet im Haus der Kulturen der Welt Berlin (HKW) die 33. Ausgabe der Transmediale, die unter dem Motto „End to End“ steht, die letzte unter der des Medienwissenschaftlers Kristoffer Gansing aus Schweden

Tega Brain, Bengt Sjölén, Julian Oliver – Asunder

Es geht um Segen und Fluch von Netzwerken, jener direkten digitalen Kommunikationsform, die schnellen Austausch ohne Hierarchien und emanzipatorische Parallelwelten abseits vom Zugriff des Staates und der Wirtschaft versprachen – und nun für genau das Gegenteil stehen: für Plattformen, mittels derer sich autoritäre Regimes und Konzerne Daten über Nutzer*innen und ihr Verhalten beschaffen. Ob die Optionen „back to the roots“, Flucht nach vorn oder eine ganz andere Art des Umgangs mit Netzwerken einen Ausweg bieten können, ist eine Frage für die Gesprächsrunden am Freitag und Sonnabend in der Volksbühne, in der die Transmediale 2020 für zwei Tage gastiert, weil das Auditorium des HKW überarbeitet wird.

Und so ist die Freude darüber, dass das Festival-Budget nach einem Jahr Pause wieder eine Ausstellung erlaubt, etwas getrübt. Nicht alle auswärtigen Festival-Besucher*innen werden den Weg zwischen den beiden Häusern auf sich nehmen. Berliner*innen haben es leichter: Die Ausstellung „The Eternal Network“  bleibt einen Monat lang im HKW stehen, in der großen Halle, in den Konferenzräumen und im kleineren Ausstellungssaal. Platz hat sich das Kurator*innenteam um Gansing also genommen, und das tut den Arbeiten gut. Sie stehen luftig und frei, von den Ausstellungsarchitekt*innen von raumlabor in Aufbauten sorgfältig inszeniert.

Doch einen Aha-Moment lösen nur wenige aus. Die Zwei-Kanal-Installation „Molecular Sex“ von Johanna Bruckner setzt auf überwältigend schöne Bilder, doch der Plot um einen Sex-Bot ermüdet. In dem Spiel „Crystalise“ (von Grogan, Lawanson, Pearson) wiederum sollen die Teilnehmenden in einer simulierten Badezimmerlandschaft digitale Kristalle auf dem Smartphone schürfen und sich gegenseitig Botschaften zuschicken. Warum, erschließt sich nicht.

Molecular Sex, 4K Video, production still, Johanna Bruckner, 2019. 

Klimapolitische Schrecksekunden löst hingegen die große Installation „Asunder“ (2019) von Tega Brain, Julian Oliver und Bengt Sjölén aus, bestehend aus einem Supercomputer und neuronalen Netzwerken, die permanent live Satelliten-, Klima- und Social-Media-Daten und solche zur Geologie, Artenvielfalt und Bevölkerungen ausgewählter Regionen wie dem Silicon Valley verarbeiten. Auf die Wände werden diese Daten in Gestalt wissenschaftlich anmutender Grafiken projiziert. Dazu kommen Luftaufnahmen von klimatisch belasteten Regionen, in denen der Computer die Geoengineering-Prozesse simuliert. Ufer, Berge, Vegetation, Flussverläufe, alles ändert sich in Sekundenschnelle. Aber Freude macht das nicht: Erst schädigt die Industrialisierung den Planeten, dann denkt sich der Mensch Maschinen aus, die ihn reparieren sollen. Doch die Folgen des Geo-Engeneering, scheinen die Künstler hier ebenso wenig zu thematisieren wie es die Anhänger dieses Zweigs der Ingenieurswissenschaften tun. Sie spielen halt ein bisschen Gott.

Und dann gibt es da die älteren Arbeiten, darunter das alte „Clubnetz“, mit dem sich Besucher*innen Mitte der 90er-jahre in Berlin von Club zu Club unterhalten konnten, aktualisiert für heutige Technik von dem Duo Joachim Blank & Karl-Heinz Jeron. Mittels einer App können sich Nutzer*innen in den alten Chat einloggen, in dem die Teilnehmenden von damals noch heute unterwegs zu sein scheinen. Die alte Programmierästhetik sieht auf den aktuellen Telefonen so retro aus, dass sie aktuell zu sein scheint – die Jugend von heute liest ja auch gern von Bildschirmen, die die alte, monochrome Technik emulieren. Der intellektuelle Gewinn des Upgrades freilich wurde von der Rezensentin noch nicht erfasst, aber was nicht ist, kann noch werden: Die Transmediale läuft bis Sonntag, den 2. Februar, die Ausstellung bis 1. März.

28.1., 18 Uhr, Eröffnung im Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Berlin-Tiergarten

29.1., 19 Uhr: Vortrag von Mél Hogan & Joshua Neves, Kanadische Botschaft, Leipziger Platz, 21 Uhr CTM- & TM-Nacht im Berghain

30.1. ab 14 Uhr: Film- und Videotag, Haus der Kulturen der Welt (HKW), J.-F.-Dulles-Allee 10

31.1. + 1.2., 10–20 Uhr: Symposien in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Bis 1.3.:  Ausstellung im HKW

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