Ausstellungen

Thomas Köhler von der Berlinischen Galerie im Gespräch

Thomas KöhlerSeit 1. September ist Thomas Köhler der neue Direktor der Berlinischen Galerie. Der promovierte Kunsthistoriker ist Realist und hat schon ganz konkrete Pläne, wie er trotz Geldmangels mehr zeitgenössische Kunst, mehr Besucher und bisher unveröffentlichte Fotos von Nan Goldin in sein Haus holt.


Herzlichen Glückwunsch Herr Köhler, Sie sind jetzt Direktor der Berlinischen Galerie. Wo liegen die Herausforderungen?
THOMAS KÖHLER Die wichtigste Herausforderung liegt darin, die Berlinische Galerie bei den Berlinern – so absurd es klingt – bekannter zu machen. Wir müssen immer noch kompensieren, was wir durch die siebenjährige Schließung erlitten haben.
Darunter leidet das Museum immer noch?
Leute, die in den späten 90ern nach Berlin gekommen sind, haben die Berlinische Galerie aktiv gar nicht mehr erlebt. Und bei der Wiedereröffnung im eigenen Haus 2004 hatte man zwar das Geld, um den Bau zu realisieren, aber für eine umfassende Kommunikationskampagne war kein Geld da. Die wäre aber nötig gewesen. Zumal unsere Aufgabe vielen nicht klar ist. Das ist hier kein Heimatmuseum, unsere Sammlung ist international geprägt, beispielsweise durch die DAAD-Stipendiaten, die seit den 60er-Jahren in der Stadt waren.
Und wie kann man das deutlicher machen?
Es ist sehr wichtig, aus der Sammlung heraus zu argumentieren und zu gucken: Wer ist bei uns vertreten? Ich habe mich auf die Suche gemacht, da findet sich viel. Sicherlich ist manch einer verblüfft zu hören, dass Nan ?Goldin in der Sammlung der Berlinischen Galerie vertreten ist, ebenso Boris Michailow, einer der wichtigsten russischen Fotografen, der auch mal als DAAD-Stipendiat in der Stadt war, Ed Kienholz und Emilio Vedova.
Sie entwickeln die Goldin-Schau, die im November eröffnet, aus den Beständen?
Schön wär’s. Nein, wir haben eine Arbeit von ihr, ein Selbstporträt. Nan Goldin war seit Anfang der 80er-Jahre regelmäßig in der Stadt und hat sich hier so etwas wie eine Parallelfamilie von Freunden aufgebaut, sodass sich ein enormes Њuvre angesammelt hat. Wir zeigen noch nicht veröffentlichtes Material.
Die Fotos sind alle in Berlin entstanden?
Ganz genau, „Berlin Works“, so heißt die Ausstellung. Die Fotografien sind hier in ihrem Umfeld entstanden, vom Bordell Bel Ami bis hin zu seriöseren Orten.
Sie gelten als Förderer junger Künstler.
Ich finde es wichtig, dass die Berlinische Galerie sich etabliert als ein Ort, an dem auch die aktuelle Kunst ihren Platz hat. Das versuchen wir so gut wie möglich zu realisieren. Beispielsweise durch den GASAG-Kunstpreis, ein Förderpreis. Und so zeigen wir Ende Oktober die erste Einzelausstellung der jungen Künstlerin Susanne Kriemann.
Die Film- und Fotoarbeiten Julian Rosefeldts zeigen Sie als „Vattenfall Contemporary“-Preis. Ihr Haus bekommt vom Land Berlin nur Geld für laufende Kosten, nicht für Ausstellungen und Ankäufe.
Wir haben immer ein Finanzierungsproblem. Bei Julian Rosefeldt handelt es sich um ein Projekt, das zu 100 Prozent von Vattenfall finanziert wird. Der Preis hat uns in die tolle Lage versetzt, mit einem Künstler, der uns interessiert, eine Einzelschau zu realisieren.
Entscheidet ein Energiekonzern, was ausgestellt wird?
Nein. Oberstes Gebot ist Integrität. Wir schaffen zwar eine Plattform für das Unternehmen, aber was realisiert wird, bestimmt inhaltlich das Museum. Und da kann ich nur sagen, dass die beiden Partner Vattenfall und GASAG uns mit größtmöglicher Freiheit agieren lassen. Wir müssen aber alle Aktivitäten über Drittmittel finanzieren.
Und das funktioniert offensichtlich.
Also es könnte besser gehen (lacht).
Toll, dass Sie zeitgenössische Kunst ins Haus holen. Trotzdem sind es die historischen Ausstellungen, die das Publikum bringen.
Wir sind ein Haus sowohl für die Klassische Moderne als auch für die Gegenwartskunst und setzen auf ein Mischprogramm.
Und wie mischen Sie?
Bei der Ausstellungsplanung gibt es immer Traum und Wirklichkeit. Ich würde mir natürlich ein stärker dramaturgisch durchdachtes Programm wünschen. Manches Mal ist es aber so, dass die Förderanträge für Projekte abgelehnt werden. Man ist gezwungen, umzukonzipieren. So kommt es manchmal zu einem Nebeneinander, das vielleicht arbiträr anmutet. Aber ein Museum ist ein Ort, der sehr viel Unterschiedliches bieten kann. Es ist ein Assoziationsfeld, ein Diskursfeld. Da muss man nicht alles nach strengen Kaufhauskriterien anbieten.
Wurde in der letzten Zeit trotz fehlenden Etats etwas angekauft?
Ja, etwa ganz Kapitales, ein Remix-Gemälde von Georg Baselitz. Wir hatten schon die erste Variante des „Modernen Malers“ aus den 60er-Jahren in unserer Sammlung. Es hat zwei Jahre gedauert, diesen Erwerb anzubahnen, geglückt ist er dann mithilfe der Kulturstiftung der Länder, des Kulturstaatsministers und der Deutschen Bahn AG. Dafür mussten sich drei Schwergewichte zusammentun. Und über die Künstlerförderung haben wir beispielsweise Arbeiten von Olafur Eliasson erwerben können.
Die Sammlung begann 1870. Schade, wenn das zu Ende ginge.
Man kann als Museum die zeitgenössische Kunstentwicklung nicht mehr abbilden. Das ist so ein Pluralismus, es ist schier unmöglich. Und die Museen haben auf dem Kunstmarkt nichts mehr zu melden, obwohl es immer noch toll ist für jeden Künstler, wenn ein Museum ein Werk erwirbt.
Sie haben vorgeschlagen, die Kunsthalle, die als temporäres Haus gerade geschlossen hat, an die Berlinische Galerie anzudocken.
Das ist eine etwas freie Interpretation. Mir geht es um die Idee Kunsthalle. Und die bedeutet, an einem Ort in Berlin zeitgenössische Kunst aus der Stadt vorzustellen. Das machen wir auch. Es ist überlegenswert, statt eine neue Institution zu schaffen, bestehende Institutionen, die schon gut arbeiten, in die Lage zu versetzen, das auch haushaltstechnisch auf die Beine zu stellen. Und deswegen würde ich sagen: Ja, wir sind auch Kunsthalle.
Braucht man dann noch eine Kunsthalle mit eigenem Haus?
Ja. Doch das Budget für eine solche Halle, die ja international operieren soll, muss irgendwo herkommen. Und da habe ich Bedenken, dass die existierenden Institutionen darunter leiden.    

Interview: Stefanie Dörre
Foto: Harry Schnitger


Berlinische Galerie  ?Alte Jakobstraße 124–128, Kreuzberg, ?www.berlinischegalerie.de

Zur Person
MIt Thomas Köhler, Jahrgang 1966, gibt es einen Generationenwechsel in der Berlinischen Galerie. Er folgt als Direktor Jörn Merkert nach, der dem Landesmuseum seit 1987 vorstand. Der promovierte Kunsthistoriker Köhler ist über Stationen am Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main, am Whitney Museum of American Art in New York und am Kunstmuseum Wolfsburg, wo er  zehn Jahre war und das er zeitweilig kommissarisch führte, im Juni 2008 an die Berlinische Galerie gekommen, zunächst als Leiter des Ausstellungsprogramms. Seit 1. September ist er ihr Direktor.

 

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