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Thorsten Knaack eröffnet seine eigene Skulpturengießerei

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Im Auftrag der Künstler: Schweißen, Sägen, Bohren gehören auch zu den Arbeiten in einer Skulpturgießerei

„Dass es jetzt nebenan einen Bryan Adams gibt, ist super“, sagt Thorsten Knaack. Auf dem Kopf den obligatorischen roten Hut, der schon fast so etwas wie ein Markenzeichen darstellt, führt der gelernte Ziseleur und ehemalige Werkstattleiter der Bildgießerei Noack durch sein neues Reich. Der Standort sei einfach wunderbar, schwärmt Knaack. „Ich mag diese alte Architektur, weil es diesem Handwerk entspricht.“

1912, als Berlin zur Metropole der Elektrotechnik aufstieg, nahmen die Berliner Elektrizitätswerke das Abspannwerk Oberspree in Betrieb, und Oberschöneweide rückte in den Mittelpunkt eines Netzsystems, das großer Teile Berlins und des Umlandes mit Strom versorgte. Zwischen Wilhelminenhofstraße und Spree entstand ein lang gestrecktes Werkareal, das heute als größtes Industriedenkmal Europas gilt und dessen Gebäudebestand zum Teil denkmalgeschützt ist.

Das Abspannwerk mit den für Oberschöneweide typischen gelben Klinkerfassaden, das letzte Bauprojekt des Architekten Hans Heinrich Müller, wurde 1995 stillgelegt. In dem nach so langer Zeit des Leerstands erstaunlich gut erhaltenen denkmalgeschützten Bau wird seit Herbst alles für den neuen Betrieb vorbereitet. Bisher war der Boss viel unterwegs, um in Galerien und Ateliers die Kundschaft für seine neue Skulpturengießerei zu akquirieren. Schweißgeräte, Sägen, Bohr- und Fräsmaschinen stehen schon bereit.

Ein paar Aufträge würden bereits bearbeitet, so Knaack. Am lautesten rumort allerdings im Moment die Kaffeemaschine. Der Schmelz- und der Trockenofen, die für den Bronzeguss notwendig sind, kommen Ende Dezember. Die Stromleitungen werden noch gelegt. Der erste Guss erfolgt im Januar. „Ansonsten braucht man noch einen schönen Raum, in dem man gut arbeiten kann. Das ganze Werk lebt eigentlich von dem Wissen, wie was gemacht wird“, erklärt der Meister selbstbewusst.

T_Knaak_c_HS-8529 Jahre lang war Knaack bei dem über hundertjährigen Familienbetrieb der Bildgießerei Noack. Dort hat er sich sein Wissen erarbeitet. Jetzt hat er sich für das Risiko entschieden. Er habe bereits Reparaturen für Ai Weiwei übernommen, Arbeiten für Künstler der Galerie Eigen und Art. „Es gibt alte Kontakte und neue.“ So richtig rückt Thorsten Knaack mit den Namen der zu erwartenden Kunden nicht heraus. Anzunehmen ist, dass es sich um solche handelt, die bereits gut im Geschäft sind. „Alle Bereiche erfordern einen hohen Aufwand an Handarbeit. Es gibt keine Maschine, wumm, Kunstwerk ist fertig, das gibt es nicht. Das Wort `billig` ist hier verkehrt.“

Doch individuell können auch Arbeiten vereinfacht werden, um das Budget der Künstler zu schonen, und sie dürfen auch selbst Hand anlegen. „Ich sehe hier Künstler, die wissen über die Arbeitsabläufe Bescheid. Dann gibt es welche, die haben von nix ’ne Ahnung.“ Knaack will für die einzelnen Arbeitsschritte der Gießerei Lehrgänge anbieten. In Zukunft. Im Brennofen werden dann Bronze, Aluminium und Neusilber geschmolzen, das Material wird patiniert, geschliffen, zusammengebaut. Betonguss bietet die Werkstatt ebenfalls an und auch Glasguss. „Die Hauptproduktion von Glas ist in Tschechien, die Tschechen sind da eigentlich die Könner. Aber die sind eben auch manchmal ein bisschen weit weg.“

Neben Noack in Charlottenburg gibt es in Weißensee die Kunstgießereien Flierl und Krepp sowie die Kunstformerei Schulz, in Kreuzberg die Bronzegießerei Herweg und die Kunstgießerei Körber in Köpenick. Wird es da großen Konkurrenzdruck geben? „Konkurrenz wird immer stattfinden“, meint Knaack. „Wobei, wenn man das zusammenrechnet, halte ich es für relativ lächerlich, dass in Berlin nur um die 50 Handwerker für die Künstler da sind. Die Künstler gehen nach Düsseldorf oder lassen in der Schweiz gießen, weil sie hier das Angebot nicht finden. Und Künstler aus Schweden kommen hierher, weil es dort das Angebot nicht gibt. Ich glaube, dass Berlin Potenzial hat.“

Über 100 Gießereien gab es früher in Berlin, bis die moderne Kunst Einzug hielt und gegossene Skulpturen von gestern waren. Berufe wie Gürtler, Silberschmied und Graveur sind fast ausgestorben. Doch so etwas kann sich auch wieder ändern. 2003 hat die Bronze bei Jonathan Meese „angeklopft“, gefördert durch seine Galerie Contemporary Fine Arts, die natürlich lieber etwas Haltbares verkauft als Pappkonstruktionen, die nach der ersten Ausstellung auseinanderfallen. Das hat viele andere jüngere Künstler inspiriert. „Als Jonathan Meese angefangen hat, gab es einen großen Hype. Da war die Plastik wieder im Vordergrund.“

Er blickt jedenfalls zuversichtlich in die Zukunft. „Die Kundschaft merkt, wenn sie Kompetenz vor sich hat. Künstler wollen nicht das Gewöhnliche, die wollen das Spektrum an handwerklichen Fähigkeiten, das zu neuen kreativen Zusammenbauten führt.“ Und da kommt der Meister ins Spiel, der das Ungewöhnliche möglich macht, wenn er auch nicht hexen kann. „Das ist immer ein Zwiegespräch. Auch die Künstler müssen letztendlich kompromissbereit sein, denn alles geht natürlich nicht.“

Text: Constanze Suhr

Foto: Harry Schnittger

Skulpturengießerei Thorsten Knaack Wilhelminenhofstraße 78, Oberschöneweide, www.skulpturengiesserei.de

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