Ausstellungen

„Through the Looking Glass“ im me Collectors Room Berlin

Through_the_Looking_Glass_Jungkuratorinnen_c_Jana_Ebert_me_Collectors_Room_BerlinWer kuratiert, liegt vorn. Dennoch müssen die drei Londoner Mittzwanzigerinnen Marte Elisabeth Paulssen, Nora Belovai und Rianne Groen (Foto unten) bei der Frage, ob Kuratoren so etwas wie die neuen DJs seien, herzlich lachen. Etwas verlegen antwortet Paulssen dann, das sei natürlich schwer zu sagen. Tatsächlich habe man als Kurator inzwischen eine mächtige Rolle in der Kunstwelt, aber die aktuelle professionelle Praxis sei auch noch relativ neu. Ihre Kollegin und Kommilitonin Rianne Groen weist ergänzend auf die große Verantwortung hin, die man habe und die einer großen Erfahrung bedürfe. Die nötigen Erfahrungen gleich auf relativ hohem Niveau zu sammeln, ermöglicht den drei MA-Studentinnen der Londoner Metropolitan University nun die Berliner Olbricht Collection. Dort nutzen sie für ihre Ausstellung „Through the Looking Glass“ das Treppenhaus, das als Verbindung zwischen der im ersten Stock gelegenen Wunderkammer und den derzeit mit Gerhard Richters druckgrafischem Werk bespielten Ausstellungsräumen im Erdgeschoss fungiert.

Richter ist zwischen den üblichen Verdächtigen von Gregor Schneider über Cindy Sherman bis zu Tony Oursler in der Ausstellung gleich doppelt zu entdecken – allerdings nicht als Künstler, sondern als Motiv des Fotografen Timm Rautert. Der zeigt ihn einmal schlicht gespiegelt in einer eigenen Arbeit, ein anderes Mal gespiegelt bei der Betrachtung seiner selbst in einem zusätzlichen Handspiegel. Die Rede vom „Spiegel als konstitutiver Leerstelle“ (Nora Berovai) lässt ahnen, dass hier neben Sigmund Freud und Ernst Jentsch auch Jacques Lacan von den drei jungen Kuratorinnen ins Gedächtnis gerufen, wiederholt und durchgearbeitet wurde, und findet ihr Echo in verstörenden Aufnahmen von Zwillingen – dokumentarisch von Diane Arbus und digital manipuliert von Loretta Lux.

Through_the_Looking_Glass_Thomas_Lerooy_c_Jana_Ebert_Olbricht_CollectionThomas Lerooys Skulptur scheitert an den eigenen hohen Geistesansprüchen (Abb.). Ebenfalls spannnend: Gregory Crewdsons großformatige Fotografie „Untitled (Sunday Roast)“, die eine scheinbare Familienidylle am sonntäglichen Esstisch zeigt. Zwei Plätze sind jedoch leer und diese Lücken sollen, wie Rianne Groen erläutert, den Betrachter zu eigenen Assoziationen anregen: „Uns fasziniert am meisten, was in unserer Vorstellung passiert, wenn wir mit diesen Bildern konfrontiert werden. Dieser psychologische Effekt ist der Schwerpunkt unserer Ausstellung. Man weiß, dass diese Menschen fehlen, aber warum es einem so ein unbehagliches Gefühl macht und warum man so darüber nachdenkt, anstatt über etwas Schöneres nachzudenken, das weiß man nicht.“ So weit, so sehenswert. Doch wie ist es um das große Ganze bestellt, wenn Marte Elisabeth Paulssen im Katalogtext Sammeln zum „Zeitgeist des 21. Jahrhunderts“ erklärt?

Reicht beispielsweise das Medium der Sammlung verbunden mit dem „menschlichen Glauben, dass Objekte symbolische Bedeutung tragen“ als „Erkenntnismittel“ aus, das uns einen „wichtigen Bestandteil der zeitgenössischen westlichen Kultur verdeutlicht“? Immerhin ist die zeitgenössische, in Echtzeit getaktete und digital kommunizierte Kultur  eine globale, und sie scheint sich jenseits physischer Objekte auch mehr und mehr der flüssigen, immateriellen und ephemeren Formen zur Selbstverständigung zu bedienen. Und wie diverse Beispiele internationaler Akteure seit geraumer Zeit aufzeigen, liegt in diesem Jahrhundert wohl ganz weit vorn, wer jenseits der Pflege und gelegentlichen Rekontextualisierung der eigenen Bestände neue Prozesse und offene Horizonte anstiftet.

Text: Gunnar Lützow

Foto: Jana Ebert  / Olbricht Collection (Mitte), Jana Ebert / me Collectors Room Berlin

Through the Looking Glass (Hinter dem Spiegel)
me Collectors Room Berlin, Auguststraße 68, Mitte,
Di–So 12–18 Uhr, 21.4.–13.5.

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