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Tino Sehgal im Martin-Gropius-Bau

Tino Sehgal im Martin-Gropius-Bau

Keine Fotos, keine Plakate, kein Katalog. Wie solle man denn unter diesen Bedingungen für die Ausstellung von Tino Sehgal werben, fragte sich Gropius-Bau-Chef Gereon Sievernich und wirkte etwas ratlos, was man sonst nicht von ihm kennt.
Der Künstler Tino Sehgal lehnt es ab, dass seine Arbeiten fotografiert oder auf Video aufgezeichnet werden. Sie sollen auch nicht Arbeiten genannt werden, sondern Situationen. Diese verkauft er zwar in limitierten Editionen, aber ohne mit dem Käufer einen schriftlichen Vertrag zu machen. Sehgal gibt nur die mündliche Einwilligung, dass der Sammler oder das Museum das Recht hat, die immaterielle und flüchtige Situation, die im Kosmos eines anderen Künstlers vielleicht Perfomance oder Intervention heißen würde, zu wiederholen.
Das klingt nach extrem sperriger Kunst. Doch die Wirkung der im Gropius-Bau gezeigten Situationen ist bezaubernd. Vokalstimmen füllen die große Halle, hin und her hüpft der Klang, dazu Beat-Box-Elemente. Das Publikum darf sich unter die Sänger und Tänzer mischen, die an ihrer Kleidung nicht zu unterscheiden sind, sodass sich der Sound plötzlich überraschend nah oder fern weiter­spinnt, von den Wänden hallt und den Lichthof in eine Kathedrale zu verwandeln scheint. Pure Verführung. Als Besucher könnte man mitsingen, was man dann aber in dieser Situation nicht macht, vielleicht, weil man klassisch  ein Kunstwerk nicht verändern möchte.
Nicht jeder Besucher wird genau diese Situation im Lichthof erleben, denn es gibt davon fünfeinhalb, die in verschiedenen Räumen zur Aufführung gebracht werden. Vielleicht läuft dort gerade „Kiss“, ein Paar zitiert berühmte Küsse der Kunstgeschichte, beispielsweise Rodins Skulptur „Der Kuss“.
In einigen Räumen ist es so dunkel, dass man sich hineintasten muss. Geradezu spooky wirkt „Ann Le“, die komplexeste der Situationen. Zwei Mädchen verkörpern nacheinander Ann, die ihren Weg vom Manga-Charakter hin zur animierten Figur beschreibt und dabei roboter­artig, rätselhaft unnahbar und schützenswert erscheint.
Wo und wann welche Situation stattfindet, erfährt das Publikum nicht vorher. Das sind keine Bühnen­aufführungen. Für Sehgals Situationen ist es wichtig, sie im Kontext des Museums zu sehen, also nicht nur in ihrem zeitlichen Verlauf, sondern sie als Raum-Zeit-Bauten aus dem Einfachsten und zugleich Komplexesten zu begreifen, was Menschen kennen: geteilte Erlebnisse, Gefühle, Verhalten.Der soziale Charakter des Lebens.
Tino Sehgal, 1976 in London geboren, wuchs in Sindelfingen auf. Sein Vater war Manager bei IBM. Von seinem Kinderzimmerfenster aus konnte er die Produktionsstätten von Hewlett-Packard, Daimler Benz und IBM sehen. Weil die Industrieprodukte in seiner Kindheit so präsent waren und wir in einer extrem güterproduktions­orientierten Gesellschaft leben, wolle er als Künstler nicht auch Dinge, wenn auch in zweiter Ordnung, herstellen, sagt Tino Sehgal.
Seine Arbeiten kommen aber nicht nur ohne Objekte aus und verweigern sich so der alten Welt der industriellen Produktion. Sehgal entzieht seine Kunst auch der Welt der digitalen Bilder und damit Facebook oder Instagram. Was nicht gepostet werden kann, existiert eigentlich gar nicht, denkt man manchmal. Sehgal insistiert, dass das nicht stimmt. Seine Situationen gibt es nur in der Realität des Hier und Jetzt. Und sie sind nur in einem Medium wiederholbar: in der menschlichen Erinnerung.
Kein Objekt. Kein Original. Keine Ware. Das geht ja gar nicht im zeitgenössischen Kunstbetrieb, möchte man meinen. Doch zum Glück ist die Kunstgeschichte eine lange Folge von Regelbrüchen und Neudefinitionen der Kunst. 2013 bekam Sehgal den Goldenen Löwen als bester Einzelkünstler in Venedig. Und da seine Situationen eine sehr poetische Dimension haben, mag ihn auch das Publikum. „Vergiss nicht zu leben!“, ist etwas, das die Situationen dem Betrachter zurufen. Und das ist bei Sehgal nicht banal.    

   

Text: Stefanie Dörre

Foto: Johnny Green

Martin-Gropius-Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, bis 8.8.

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