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Tobias Zielony über seine Ausstellung „Jenny Jenny“ in der Berlinischen Galerie

Tobias_Zielony_c_DianeVincentHerr Zielony, warum lassen sich die Menschen von Ihnen fotografieren?
Vielleicht, weil sie die Sache ernst nehmen, wenn sie verstehen, dass ich sie selbst ernst nehme. Wir verbringen viel Zeit, ich interessiere mich für sie. Dann hat es sicher auch mit Wertschätzung zu tun. Man freut sich, wenn sich ein Fotograf für einen interessiert. Oft ist ihnen auch langweilig. Manchmal ist es Eitelkeit. Es gibt viele Gründe.

Wie haben Sie die erste Frau für Ihre neue Serie „Jenny Jenny“ angesprochen?
Die Serie entstand aus einer Zufallsbegegnung. In der U-Bahn habe ich ein Pärchen angesprochen und gefragt, ob ich sie fotografieren kann. Wir sind zusammen ausgestiegen und ich habe gefragt, wo ich sie noch einmal treffen kann. Die Frau hat geantwortet: „Hier. Ich arbeite hier auf der Straße.“

Die Straße war ein Straßenstrich, viele der von Ihnen in „Jenny Jenny“ porträtierten Frauen gehen der Arbeit der Prostitution nach. Sie würden dieses Wort nicht verwenden.
Nicht alle Frauen, die ich fotografiert habe, machen das und es reicht nicht aus, wenn man über sie spricht, sie auf diese Rolle festzulegen. Sie nehmen in ihrem Leben ja verschiedene Rollen ein, wie Mutter oder Freundin. Diese Ambivalenz, die ich in den Bildern aufgebaut habe, möchte ich nicht durch äußerliche Festschreibungen wieder auflösen.

In Ihren Bildern spürt man sehr viel Nähe, aber auch sehr viel Distanz.
In meiner Arbeit geht es um beides. Ich habe zwei Jahre an der Serie gearbeitet. Es gibt eine große Nähe, weil ich die Frauen zum Teil sehr gut kennengelernt habe. Aber da die Kamera dabei ist, werden auch Grenzen gezogen. Ich behalte meine Rolle als Fotograf bei, was auch eine gewisse Klarheit der Verhältnisse schafft. Man muss sich bewusst sein, dass man ein Bild herstellt, also eine Konstruktion von Identität. Mir ging es da­rum, ob ein Porträt etwas über einen anderen Menschen sagen kann.

Berlinisches_Museum_Tobias_Zielony_2013_TZ_1_c_TobiasZielony_CourtesyOfTobiasZielonyAndKOWBerlinIst das eine der Grundfragen Ihrer Arbeit?
Die Frage ist: Was kann man mit Fotografie über die Welt sagen? Mit dem Bewusstsein, dass es diese Trennung zwischen Fotografie und Welt gar nicht mehr gibt.

Warum?
Die Menschen orientieren sich an medialen Bildern, die es schon gibt, oder wollen selber zum Bild werden. Die Wirklichkeit ist von Bildern durchdrungen oder eben selbst eins. Als Künstler oder Fotograf denkt man diesen ganzen Referenzraum immer mit: Fotogra­fien, Filme, Videos, aber auch Amateurbilder. Ich reagiere in meiner Arbeit darauf, dass beide Ebenen untrennbar geworden sind.

Was für Bilder hatten die Frauen im Kopf?
Das ist bei jedem, den ich fotografiere, sehr unterschiedlich. Ich glaube, dass man versucht, etwas darzustellen, im Fall von „Jenny Jenny“ vielleicht auch Sehnsüchte zu produzieren oder vermeintlichen Erwartungen zu entsprechen. Das funktioniert nicht immer und nicht so, wie man sich das selber vorstellt. Auch auf Seiten des Fotografen nicht. Es passieren Dinge, die erst entstehen, wenn man zusammenkommt – jemand ,der fotografiert wird, und jemand, der fotografiert. Ich habe keine festen Bilder im Kopf, in die ich die Menschen hereinzwängen möchte. Ich reagiere auf die Situation. Vielleicht ist das der Moment, wo so was wie Glaubwürdigkeit entsteht. Nicht dass ich sage, die Welt ist so wie auf meinen Bildern. Aber trotzdem entsteht aus dieser Form von Kommunika­tion etwas, das Glaubwürdigkeit hervorrufen kann.

Die zweite Serie, die Sie in der Berlinischen Galerie präsentieren, ist „Trona“, Aufnahmen von Jugendlichen in einem trostlosen Kaff drei Autostunden von L.?A. entfernt. Eine der Fotografien zeigt ein Mädchen mit zwei Zigaretten im Mund.
Wenn ich auftauche, löse ich etwas aus. Für die Jugendlichen in Trona war das ja keine alltägliche Situation. Eigentlich sind das sehr spontane Inszenierungen. Ich komme da hin, und das Mädchen denkt, was kann ich jetzt aus dem Nichts heraus Verrücktes machen. Dann steckt sie sich zwei Zigaretten an.

Gibt es eine fotografische Tradition, in die Sie sich stellen?
Im weitesten Sinne steht meine Arbeit in einer dokumentarischen Tradition. Aber auch hier sind für mich eher die Fotografen inte­ressant, die einen subjektiven Zugang gewählt haben oder traditionelle dokumentarische Strategien unterlaufen, weil sie zum Beispiel ihre eigenen Freunde fotografieren. Wie Larry Clark und Nan Goldin. Oder Brassaп, der auch mit dem Unheimlichen und dem Surrealen gearbeitet hat. Heute sind es Paul Graham oder Wolfgang Tillmans. Die Referenzräume für meine Arbeit können innerhalb der Foto- und Kunstwelt liegen, aber auch außerhalb, wie zum Beispiel Musikvideos oder Filme von David Lynch oder Harmony Korine.

Berlinisches_Museum_Tobias_Zielony_2013_TZ_4_c_TobiasZielony_CourtesyOfTobiasZielonyAndKOWBerlinWie wirkt Film in Ihre Fotografien hinein?
Ich habe sehr viel bei nächtlicher Beleuchtung gearbeitet. Nachts stellt sich für viele Jugendliche die Frage: Verstecke ich mich in einer dunklen Ecke oder stelle ich mich extra ins Licht, um besser gesehen zu werden? Filmische Strategien sind ganz ähnlich, die Dinge, die wichtig sind, werden beleuchtet. Die Dunkelheit erscheint als Bedrohung oder Geheimnis. Auch im Theater ist der Hintergrund oft dunkel, der Kontext nur angedeutet oder ganz ausgelöscht. Es wird eine bühnenhafte Situation geschaffen.

Welche Bedeutung haben diese bühnenhaften Settings in Ihren Fotografien?
Es gibt Bilder, auf denen niemand zu sehen ist, die den Ort beschreiben oder vielmehr die Idee eines Ortes konstruieren. Ich habe aber keine Angst davor, die Dinge zu verunklaren und den Betrachter vor die Frage zu stellen: Wo bin ich jetzt eigentlich hier? Und was passiert an diesem Ort? Oft sind es ja erst die Menschen in den Bildern, die diese bühnenähnlichen Plätze beleben oder mit Bedeutung füllen. Die Einführung eines bestimmten Settings schafft also die Hoffnung auf eine Narration, die ich jedoch immer wieder unterlaufe. Auch die vom Film entlehnten Perspektivwechsel, zum Beispiel der Sprung von der Nahaufnahme zur Totalen, rufen die Erwartung einer Erzählung hervor, die nur zum Teil eingelöst wird. Ich spiele dem Betrachter Versatzstücke zu, die sich nicht immer zu einer Geschichte zusammenfügen lassen. Es kann sein, dass ich durchaus eine eigene Narration schaffe, die dann aber viel mit dem zu tun hat, was ich selbst erlebt und fotografiert habe, und die sich erst aus dem Zusammenspiel der einzelnen Bilder ergibt.

Interview: Stefanie Dörre

Foto: Tobias Zielony / Courtesy of Tobias Zielony and KOW, Berlin, Foto Zielony: Diane Vincent

Tobias Zielony. Jenny Jenny Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 21.6.–30.9.

Verlosung 5?x?2 Freikarten: Bitte senden Sie uns bis 24.6. eine E-Mail an [email protected], Kennwort: Zielony

Exklusive Sonderführung: Ulrich Domröse, der Sammlungsleiter für Fotografie in der Berlinischen Galerie und Kurator der Ausstellung, führt am 8. August um 18 Uhr durch die Ausstellung, Teilnahmegebühr 8 Ђ, Karten-Tel. 0800/232 70 23

 

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